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Jugendroman von Inés Garland : Das Tagebuch der Mutter

  • -Aktualisiert am

Inés Garland: „In den Augen der Nacht“. Roman. Aus dem Spanischen von Ilse Layer. Fischer KJB, Frankfurt 2015. 192 S., geb., 14,99 €. Ab 14 J. Bild: Fischer KJB

Eine verwöhnte Hauptstädterin begleitet ihre Schwester und deren Freundinnen zum Zelturlaub in die argentinische Pampa: Inés Garlands Jugendroman „In den Augen der Nacht“ erkundet eine Parallelwelt.

          Die argentinische Autorin und Journalistin Inés Garland widmet sich gern der Alchemie jugendlicher Gefühle. Und das mit Geschick: Ihr Roman „Wie ein unsichtbares Band“ (2009), der eine Adoleszenz und eine Liebesgeschichte in den glücksfernen Zeiten der argentinischen Militärdiktatur schilderte, gewann 2014 den Deutschen Jugendliteraturpreis.

          Auch ihr neuer Roman „In den Augen der Nacht“ untersucht, wenn auch eher unpolitisch, Brüche in ländlichen Idyllen und juvenilen Seelenlandschaften. Die verwöhnte Hauptstädterin Dalila begleitet ihre Schwester Lucía und deren Freundinnen, die höhere Tochter Maite und die esoterisch interessierte Petra, zum Zelturlaub in die argentinische Pampa.

          Urlaubsflirts mit Unterschieden

          Alle Mitglieder dieser Reisegruppe sind um die 20 Jahre alt. Rasch wird deutlich, dass jede von ihnen eine Irritation aus dem Alltagsleben in der Stadt mit in die symbolhaft aufgeladene Wildnis trägt. Dalila etwa versucht, den Ex-Freund Pablo zu vergessen - trägt sie doch nicht ohne Stolz den Namen der Liebesverräterin aus der Oper „Samson und Dalila“. Im Wald verläuft sie sich und gerät zur Hütte einer alten Frau: „Du hast dich verirrt“, sagt diese, und Dalila kommentiert das mit den Worten: „Für mich war es, als spreche sie von etwas, das weit über diesen Moment hinausging.“

          Die Urlaubsflirts der Freundinnen könnten konträrer nicht sein. Während sich Dalila für Tharo interessiert, den scheuen Enkel der alten Frau, der sie zum Zeltlager zurückbringt, bandeln Maite und Lucía mit dem galanten Zasiok an. Auch die an ihm desinteressierte Dalila lässt sich teils auf Zasioks Angebote zu Ausflügen und Abendessen zusammen mit Maike und Lucía ein. Nur Petra, die Lucía verehrt, hält Abstand zu Zasiok und reist den drei Freundinnen trotzdem wie eine Detektivin nach.

          Die besseren Kontakte zur Obrigkeit

          Der Roman lebt nicht zuletzt von den Kulissen und der „makellosen Parallelwelt“ der Pampa. War es in Garlands Vorgängerroman eine Hängebrücke, die ganz unterschiedliche soziale Welten miteinander verknüpfte, ist es hier der Weg entlang eines Flusses, der das Lager der Hauptstädter mit dem Dorf verbindet, wo das Häuschen Tharos und seiner Großeltern sowie die deutlich größere Behausung Zasioks stehen. Die Landschaft und die Stille lassen das lärmende und larmoyante Buenos Aires vergessen - und das vollends, als die Clique wegen Unwetters in Zasioks Haus übernachtet und Dalila unter der Matratze eingeklemmt Tagebücher von Tharos bereits verstorbener Mutter Bettina entdeckt.

          In diesem filigranen Initiationsroman verknüpfen sich die Schicksalsfäden einer ganzen Reihe von Protagonisten - besonders deutlich wird dies angesichts von Zasioks destruktiver Gewalt, die er über Tharos Familie ausüben kann, weil er die besseren Kontakte zur Obrigkeit besitzt. Und die er einst besonders als Nebenbuhler von Tharos Vater Lorenzo um die Gunst Bettinas ausspielte. In der Gegenwart der Romanhandlung aber werden die Machenschaften Zasioks von den Freundinnen dank Petras Beobachtungen in letzter Minute durchkreuzt.

          Eine ungelenke Erklärung

          Auch in diesem Werk erweist sich Garland als eine Poetin des Zwielichts zwischen Kindheit und Adoleszenz. Ihr filmisches Erzählen bewährt sich besonders an Tier-Stillleben oder der stummen Dienerin in Zasioks Haus. Verworfene Briefe und imaginäre Gespräche spielen eine große Rolle, um die besondere Atmosphäre dieser bisweilen surrealen Welt zu erzeugen.

          Dalila las die Tagbücher seiner Mutter vor Tharo, und auch andere Faktoren führen dazu, dass die Liebe zwischen den beiden einige Prüfungen durchlaufen muss. Garland kleidet die Bindungsängste, die sich darin zeigen, in kristallklare Metaphern: „Wenn man Schutzmechanismen hören könnte, wären meine wie ein mittelalterliches Eisentor gewesen, das urplötzlich laut scheppernd zufiel.“ Natürlich teilt sich das auch ihrem Verehrer mit. Und als sich Dalila dann wegen der längst von besorgten Angehörigen in die Wege geleiteten Abreise der vier Freundinnen nach Buenos Aires von ihm verabschieden will, reagiert er angemessen kühl.

          Zuletzt gestehen dann doch noch Petra Lucía und Dalila Tharo ihre Liebe: „Wenn du ihn finden willst, wirst du dich nicht verlaufen“, sagt Tharos Großmutter, als Dalila ihm zur Lichtung des Pferdeübungsplatzes folgt. Die Liebeserklärung zum Happy End wirkt indirekt und kommt ungelenk wie hinter zusammengebissenen Zähnen hervor: „Ich mag die Person, die ich bin, wenn wir zusammen sind.“ Aber zum ersten Mal erscheint Dalila ihr Vorname nicht wie der einer Verräterin.

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