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„In die neue Welt“ von Gerda Raidt und Christa Holtei : Der weite Weg zum Glück in der Prärie

Bild: Beltz & Gelberg

So schnell kann’s gehen: In „In die neue Welt“ erzählen Gerda Raidt und Christa Holtei ein deutsches Auswandererschicksal.

          2 Min.

          Natürlich darf man Kinder nicht überfordern. Es ist aber auch nicht besser, sie zu unterfordern. Diesen Gedanken wird man nicht los, wenn man das Buch von Gerda Raidt und Christa Holtei zuklappt. Denn man ist sich nicht sicher, ob dieser Band den Königsweg der Anforderung gefunden oder nicht doch seine Geschichte verschenkt hat, weil er zu wenig von seinen jungen Lesern verlangt. Beim zweiten Lesen wird aus dem Zweifel Gewissheit: Die „Familiengeschichte in zwei Jahrhunderten“, die der Untertitel vollmundig verspricht, bleibt so bruchstückhaft, dass hier kein Kind Angst vor Überforderung haben muss.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Gerda Raidt und Christa Holtei erzählen das Schicksal der Familie Peters, die im Jahr 1869 gezwungen ist, aus der preußischen Provinz Hannover nach Amerika auszuwandern. Sie besitzen nur eine winzige Parzelle Land und können sich auch mit ihrer Leineweberei nicht mehr über Wasser halten, weil sie gegen die Baumwolle aus den Fabriken keine Chance haben. Also brechen Robert und Margarete Peters mit ihren beiden Kindern aus Not und Verzweiflung ihre Zelte ab, nehmen ein Schiff nach New Orleans, fahren weiter nach Nebraska und finden in New Steinberg in der Prärie ihr Glück. Hundertfünfzig Jahre später reisen die Nachfahren der Familie, die inzwischen offenbar erfolgreiche Großbauern sind und gleichfalls zwei Kinder haben, nach Deutschland, um das Haus ihrer Ahnen zu finden. Es steht immer noch irgendwo in der Nähe von Hannover - und fortan auch als Erinnerungsfoto im Wohnzimmer der Peters in New Steinberg.

          Dabei ist das doch das Interessanteste!

          Diese Geschichte wird mit wunderbar leichthändigen Zeichnungen illustriert, die ganz bewusst ein bisschen naiv, fast altertümlich wirken und dadurch die Vergangenheit lebendig werden lassen - man unternimmt eine Zeitreise mit den Augen, auf der es dank des gelungenen Wechselspiels zwischen großformatigen Bildern und Detailzeichnungen niemals langweilig wird. Die Sprache wiederum ist einfach, aber alles andere als plump, fließt vielmehr wie ein ruhiger, unaufgeregter Fluss dahin, selbst wenn sie die aufregendsten Etappen der Auswanderung schildert. Man lernt eine Menge über das Elend im Preußen der Industrialisierung, über die drangvolle Enge auf den Auswandererschiffen und die unbegrenzten Möglichkeiten, die sich den Emigranten in Amerika boten. Die „Homestead Act“ von 1862 wird erklärt, mit der die Verteilung des noch unbesiedelten Landes geregelt wurde, und die primitive Bauweise der ersten Häuser in der Prärie: Da Holz zu teuer und zu selten war, errichtete man die Häuser aus Grassoden, die von den Wurzeln der Präriegräser zusammengehalten wurden. Man lernt auch, dass man sich vor den Indianern vom Volk der Pawnee nicht fürchten musste, weil sie friedliebend waren, dass man sich aber vor den Lakota in Acht zu nehmen hatte, weil diesen Ureinwohnern der Tomahawk locker saß. Schließlich erlebt man mit, wie sich die Peters ein erstes Holzhaus in der Prärie bauen, bevor das Buch plötzlich einen gewaltigen Zeitsprung von mehr als hundert Jahren mitten in die Gegenwart hinein vollführt - um den Leser verblüfft und auch ein wenig enttäuscht zurückzulassen.

          Denn man hat den Eindruck, dass genau diese Zeitlücke der interessanteste Teil der Geschichte ist. Man hätte gerne gelesen und gesehen, wie die Peters ihr Glück fanden und die Stürme und Krisen überstanden, wie sie langsam ihre Heimat vergaßen, ihre Wurzeln kappten und zu Amerikanern wurden, wie mit jeder neuen Generation langsam die Sehnsucht verschwand und ein neues Selbstverständnis entstand. Im Gegenzug hätte man ohne weiteres auf die semisentimentale Rückkehr der Familie nach Deutschland verzichten können, die ein wenig lieblos auf sieben Seiten abgehandelt wird und im Grunde keinen tieferen Informationswert besitzt. Vielleicht wollten die Autorinnen ihre Leser nicht überfordern. Hätten sie es mal getan.

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