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Kinderbuch von Frida Nilsson : Wer was erzählt, ist ein Verräter

Frida Nilsson: „Ich und Jagger gegen den Rest der Welt“. Aus dem Schwedischen von Friederike Buchinger. Mit Bildern von Ulf K. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2018. 176 S., geb., 14,95 Euro. Ab 9 J. Bild: Gerstenberg Verlag

In „Ich und Jagger gegen den Rest der Welt“ Frida Nilsson gibt einem Jungen einen seltsamen Freund. Und seinen Eltern und seinen Lesern ganz schön was zu tun.

          Schon klar, ein Hund: Da muss sich ein gerade mal achteinhalb Jahre alter Junge nichts Geringeres als den Respekt der Nachbarskinder und das Verständnis seiner Eltern erkämpfen, und ihm zur Seite stellt die schwedische Kinderbuchautorin Frida Nilsson in ihrem neuen Buch „Ich und Jagger gegen den Rest der Welt“ ausgerechnet einen Hund. Keinen, wie ihn sich schon Lillebror in Astrid Lindgrens „Karlsson vom Dach“ gewünscht hat, zum Trost und zum Kuscheln. Eher einen Karlsson mit Fell: Eigenwillig und eifersüchtig, ein Herumtreiber und Anstifter ist dieser Jagger Svensson, und die ganze Geschichte über wird der erwachsene Leser nicht recht schlau aus dieser großartigen Figur - während der kindliche Leser gar nicht erst darauf kommt, sie zweifelhaft zu finden, ganz wie Bengt selbst: „Wenn ich jetzt darüber nachdenke, kommt mir alles irgendwie komisch vor“, gibt der junge Erzähler selbst gleich im ersten Absatz des Buchs zu, „aber damals, da war es eben einfach so“.

          Dabei ist Bengts Situation alles andere als einfach, und komisch ist sie auch nicht: Von den anderen drei Kindern im Haus wird der Junge aufgezogen und gequält. Er findet sich selbst schon eklig und dick. Und er traut sich nur noch auf den Hof mit der Reifenschaukel, der Bank, der Kiefer und dem Müllraum, wenn es Hoffnung gibt, die anderen nicht zu treffen. Oder wenn er muss - den Müll runterbringen zum Beispiel, wie an dem Tag, an dem ihn Astrid, Gustav und Allan in den Müllraum sperren. An dem Tag, als er Jagger kennenlernt.

          Weil die Mütter es so verabredet hatten

          Es ist nicht so, dass der Hund den Jungen absichtlich befreit: Jagger kommt vorbei, um in den Mülltonnen nach Essbarem zu suchen. Frida Nilsson verstärkt den Eindruck eines Stadtstreichers noch: Ihr Jagger ist aus der Obdachlosenunterkunft abgehauen, wie Bengt erfährt, weil der Hund sich aus Rache die Lederjacke seines Widersachers Heikki unter den Nagel gerissen hatte. Jetzt lebt er auf einem Papphaufen in einem Container.

          Auch Bengt muss sich rächen, da duldet Jagger keine Widerrede, und so lassen die beiden - „wer was erzählt, ist ein Verräter!“ - eine tote Ratte durch den Briefkastenschlitz in Astrids Wohnungstür fallen, wie die drei anderen Kinder einmal Cornflakes durchrieseln ließen. Sie schmeißen Gustavs Fahrrad in den Fluss, in den die anderen einmal Bengts nagelneuen Fußball geschossen hatten. Und um ein Haar hätten sie Allan in den Müllraum gesperrt, obwohl sich Bengt eigentlich überraschend gut mit ihm verstanden hatte, als er neulich auf einmal bei Bengt im Zimmer stand, weil die Mütter es so verabredet hatten, und vor Angst anfangen musste zu weinen, weil bestimmt ihn die nächste Strafe trifft.

          Viel bleibt ungesagt, viel unerklärt

          Überhaupt, die Eltern: Fast noch unangenehmer als das kindliche Mobbing berührt den erwachsenen Leser die Schilderung der elterlichen Reaktionen - das bewusste Wegschauen, wenn etwas passiert, das Beschönigen, wenn sich Bengt beklagt, die Falschheit und Verkrampftheit in der Diskussion der Eltern untereinander und die Hilflosigkeit, mit der die verfeindeten Kinder ihrem eigenen Widerstand zum Trotz miteinander verabredet werden. „Seit dieser Hund aufgetaucht ist, ist einfach alles schrecklich geworden“, klagt Bengts Mutter, als die Lage eskaliert ist und sich die Väter - „wir wollen nur ein bisschen reden“ - aufmachen zu Jaggers Container. „Nein“, ist Bengts Antwort, „schrecklich war es, bevor er aufgetaucht ist.“ Mit Jagger kommt nicht nur emotionale Aufrichtigkeit im weiten Spektrum zwischen Rachlust und Mitgefühl in Bengts Leben, sondern auch ordentlich Schmackes. Die Lesart, der Junge könnte sich seinen befremdlichen Freund in diesem bis ins Schmerzhafte so naturgetreu wie lebensnah erzählten Kinderbuch nur ausgedacht haben, trägt nicht weit. Es wäre wohl zu einfach, Bengts Beistand, der so irritierend zwischen Tier, Kind und Obdachlosem changiert, allein seiner eigenen Phantasie entspringen zu lassen, zu nah an einer Kinderbuchkonvention, die schließlich schon Astrid Lindgren mit ihrem ersten Karlsson-Buch aus dem Jahr 1955 unterlaufen hat.

          Frida Nilsson gibt ihrer Geschichte sogar noch einen weiteren Bogen: Drei Wochen nach dem Showdown lässt sie den Jungen den Hund eines Nachts wiedersehen. Sie lässt Jagger in seinem einstigen Feind Heikki einen Freund finden und Bengt einen in dessen Sohn. Die Autorin lässt viel ungesagt zwischen den beiden Vertrauten von einst, sie lässt viel unerklärt an der neuen Wohngemeinschaft von Jagger und Heikki, viel offen in der neuen Konstellation. Nur was Bengts Mutter von der Sache hält, wird allen klar. Zum Glück begreift sie immerhin, dass es Momente gibt, in denen sie nicht gleichzeitig mit den Nachbarinnen schön Wetter machen und hinter ihrem Sohn stehen kann.

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