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Kinderroman von Lena Hach : Federballspielen und Anhimmeln

  • -Aktualisiert am

Lena Hach: „Ich, Tessa und das Erbsengeheimnis“. Verlag Mixtvision, München 2016. 240 S., geb., 12,90 €. Ab 11 J. Bild: Verlag Mixtvision

Lena Hachs Kinderroman „Ich, Tessa und das Erbsengeheimnis“ erklärt, warum ein Freund kein Therapeut sein muss.

          3 Min.

          Paul will Detektiv werden und übt sich schon mal im Observieren. Leider passiert in der Nachbarschaft seines Elternhauses so wenig, dass selbst ein Nachwuchsdetektiv unterfordert ist. Zum Glück hält am Ende der Osterferien ein Umzugswagen vor dem gegenüberliegenden Haus, ein Mädchen in Pauls Alter zieht mit ihrem Vater ein und kommt auch noch in seine Klasse. Ab sofort hat Paul die perfekte „Zielperson (ZP)“ für seine Ermittlungen gefunden.

          Doch Tessa - so heißt das neue Mädchen - lässt sich weder in der Pause auf dem Schulhof blicken noch morgens auf dem Schulweg. Paul ist sicher: Irgendetwas stimmt nicht mit Tessa. Und noch etwas ergeben seine Beobachtungen: Paul hat sich verknallt. „Aber so was von.“

          Es gibt eben Leute mit seltsamen Angewohnheiten

          Nach und nach findet Paul heraus, was mit Tessa los ist: Sie ist nicht nur hervorragend in Mathe, sie zählt überhaupt ständig alles; die Kirschen am Baum und die Erbsen auf dem Teller ebenso wie die Bücher im Regal und die Fransen am Teppich. Morgens steht sie extra früh auf, um auf dem Schulweg noch einmal anzuhalten und alle Sachen in ihrem Rucksack zu überprüfen. Außerdem kann sie nicht auf direktem Weg zur Schule gehen, weil sie dann über Kopfsteinpflaster laufen müsste. Und da könnte sie womöglich auf die Rillen dazwischen treten und müsste dann jedes Mal fünf Schritte zurücklaufen.

          Paul wundert sich zwar über Tessas Marotten, aber nicht mehr als über die seltsamen Angewohnheiten anderer Leute. Seine einzige Sorge ist, Tessa Peinlichkeiten zu ersparen - und ihr näherzukommen. Darum holt er ihr Eis aus der Eisdiele, die in einer Straße mit Kopfsteinpflaster liegt, hilft ihr beim Überprüfen des Rucksackinhalts und schenkt ihr sogar einen Handzähler zum Geburtstag, damit sie sich nicht mehr so leicht verzählt und noch einmal von vorne beginnen muss.

          Alles, was man für eine gelungene Kindheit braucht

          Tessa ist ihm unendlich dankbar, und ihr Vater freut sich, dass seine Tochter endlich einmal mit einem anderen Kind Freundschaft schließt. Als er aber merkt, dass Paul - zwar in bester Absicht, aber eben doch - Tessas Zähl- und Kontrollwahn unterstützt, ist er wenig begeistert. Paul wird eingeweiht, dass Tessa eine „Zwangsstörung“ hat. Er soll nun mithelfen, sie davon zu befreien. Mit seinem ehrlichen Herzen und seinem gesunden Jungenverstand ist er dafür ideal. Er tut einerseits sein Möglichstes, nimmt sogar einen ernsten Streit mit Tessa in Kauf, andererseits lässt er sich von der Verantwortung aber nicht erdrücken. So ist ihm vollkommen klar, dass es der Job von Tessas Therapeutin ist, mit ihr über Kopfsteinpflaster zu laufen, wenn Tessa es nicht von sich aus tut. Seinen Job sieht er auf Federballspielen und Anhimmeln beschränkt und leistet damit tatsächlich mit den wertvollsten Beitrag zu Tessas Therapie.

          Sich seltsam hopsend fortzubewegen, weil das Muster der Steine auf dem Boden dazu anregt, oder auszurasten, weil eine nur für Eingeweihte erkennbare Ordnung durcheinandergebracht wurde, gehört zur Kindheit. Aber ständig mit den schlimmsten Katastrophen zu rechnen und den Kontakt zu anderen Kindern zu meiden, weist darauf hin, dass das Ganze nicht nur eine Marotte ist. Lena Hach lässt in ihrer einfühlsam, leicht und sogar lustig erzählten Geschichte die Schwere einer Zwangsstörung und ihrer Ursachen anklingen, aber niemals die Oberhand gewinnen. Das liegt vor allem an der klugen Entscheidung, nicht Tessa, sondern Paul zum Erzähler der Geschichte zu machen und ihn mit allem auszustatten, was es für eine gelungene Kindheit braucht: Eltern, die für ihre Kinder da sind, aber auch eigenen Interessen nachgehen, einen großen Bruder, der einen gerne mal ärgert, aber auch von seinen Erfahrungen als fortgeschritten Pubertierendem profitieren lässt, liebevolle Großeltern, die ganz ohne neugierige Fragen lebenskluge Ratschläge erteilen, und einen besten Freund, der einen zwar manchmal in peinliche Situationen bringt, auf den man aber zählen kann, wenn es darauf ankommt. Dieses sichere Fundament ermöglicht Paul - abgesehen von verliebtheitsbedingter Scham -, einen völlig unbefangenen Umgang mit Tessa, in deren Leben es bislang alles andere als rund gelaufen ist.

          Ohne Kuscheltier geht es noch nicht

          Paul außerdem noch mit einer detektivischen Ader auszustatten erzeugt Spannung und liefert reichlich Potential für komische Begebenheiten und Beobachtungen, die auch in den Zeichnungen von Kerstin Meyer treffend dargestellt werden. Es dauert eine Weile, bis man ahnt, was mit Tessa los ist. Und parallel geht Paul unter Zuhilfenahme detektivischer Methoden und zum Vergnügen der Leserin seinen eigenen Gefühlen auf den Grund.

          „Ich, Tessa und das Erbsengeheimnis“ ist ein Buch für Kinder und Jugendliche am Beginn der Pubertät: der Ekel vorm Küssen eines anderen Jungen oder Mädchens schwindet, aber ohne Kuscheltier einschlafen geht noch lange nicht. Alles dreht sich zwar um das seltsame Verhalten von Tessa, aber es dreht sich so charmant, dass es für Kinder in diesem Alter nicht nur gut auszuhalten ist, sondern sie idealerweise sogar fröhlich macht - und tolerant gegenüber den Eigenheiten anderer.

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