https://www.faz.net/-gr3-af0cm

Bilderbuch über das Stottern : Die Krallenspuren der Krähe

Auge in Auge mit sich selbst: Der Junge, bedrängt von Worten, wie Sydney Smith ihn sieht Bild: Sydney Smith

Worte wie Spiegel: In ihrem Bilderbuch „Ich bin wie der Fluss“ führen Jordan Scott und Sydney Smith einen Jungen zu sich selbst.

          2 Min.

          Ein B, das nicht zu „Baum“ werden will, ein K, das als Krächzen im Hals stecken bleibt, ein M, das die Lippen nie verlässt – damit beginnt jeder Tag der Hauptfigur von „Ich bin wie der Fluss“.

          Anna Vollmer
          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es ist die Geschichte eines Jungen, der stottert. So sehr, dass er in Scham versinkt, wenn der Lehrer ihn aufruft und er die Blicke der anderen spürt. Nervös sitzt er in der letzten Reihe und kann seine Angst nicht verbergen. Eines Tages, an dem Blockade und Panik besonders groß sind, holt sein Vater den Jungen von der Schule ab und fährt mit ihm zum Fluss. Stumm verbringen sie ihre Zeit, lassen Steine springen, beobachten das Wasser, das gluckert und sprudelt und wirbelt, und der Vater sagt: „Siehst du das Wasser? Wie es sich bewegt? Das ist, wie du sprichst. Das bist du.“

          Im Grunde ist das schon fast alles, was in diesem Bilderbuch passiert, bis auf das große glückliche Ende, das nicht darin besteht, dass der Junge von einem auf den anderen Tag nicht mehr stottert. Das wäre banal und auch nicht realistisch. Aber der Fluss hilft dem Jungen, das Stottern als Teil seiner selbst zu begreifen, als individuelle Art zu sprechen, für die er sich nicht schämen muss. Daraus hätte nun ein Kinderbuch werden können, das Kindern wie der Hauptfigur helfen soll, sich selbst zu akzeptieren. Ein nettes, wichtiges, aber vermutlich kein besonderes Buch. Kein Buch wie „Ich bin wie der Fluss“. Denn dieses Bilderbuch ist eine Wucht. Das liegt nicht an seiner Geschichte, sondern am Können derjenigen, die es gemacht haben.

          Jordan Scott, Sydney Smith: „Ich bin wie der Fluss“. Aus dem Englischen von Bernadette Ott. Aladin Verlag, Stuttgart 2021. 44 S., geb., 18,– €. Ab 5 J.
          Jordan Scott, Sydney Smith: „Ich bin wie der Fluss“. Aus dem Englischen von Bernadette Ott. Aladin Verlag, Stuttgart 2021. 44 S., geb., 18,– €. Ab 5 J. : Bild: Verlag

          „Ich bin wie der Fluss“ ist das erste Kinderbuch des kanadischen Lyrikers Jordan Scott, der für seine Gedichtbände schon eine Reihe von Preisen gewonnen hat. Unterstützt wird sein Text von den großartigen Bildern des kanadischen Illustrators Sydney Smith, dessen vorherige Bilderbücher zu Recht mit Preisen und Lob überhäuft wurden. Auch sein neues Buch ist einzigartig: Wegen seiner Bilder, seiner Sprache und der Art und Weise, wie beide miteinander und mit dem Thema der Geschichte, dem Stottern, korrespondieren. Der Junge wacht auf und hört schon die Wörter, die er nicht sprechen kann: Baum, Krähe und Mond werden ihn den Tag über begleiten. Scotts Sprache wiederholt sich, dreht Schleifen, so wie den Jungen lassen diese Wörter auch die Leser nicht los. Man merkt dem Text an, dass er von einem Dichter stammt, der genau weiß, wie man wenige Worte bewusst einsetzt und wie man Rhythmen schafft. Wie gefangen der Junge in seinen Gedanken, in den Wörtern ist, die ihm nicht über die Lippen kommen wollen, drückt sich auch in Smiths Bildern aus. Die Krähe überlagert die Blicke des Jungen und hat ihre Krallenspuren an der Zimmerwand hinterlassen. Der Junge sieht sich in der Fensterscheibe, im Bad- und im Autospiegel. Die Wörter, die den Mund nie verlassen, sind wie ein Spiegelbild: anwesend und doch nicht da.

          Smiths Illustrationen erstrecken sich oft großflächig über die Doppelseiten. Einmal lassen sie sich sogar aufklappen, und wir können mit dem Jungen im blau-grün-weiß schimmernden Fluss versinken. An solchen Stellen nimmt sich der Text fast gänzlich zurück. Der stotternde Junge ist die Wörter, die ihn bedrängen, endlich losgeworden, ist eins mit sich und der sprudelnden Welt um ihn herum.

          Die einzige Schwäche von „Ich bin wie der Fluss“ ist seine letzte Seite. Dort richtet sich Jordan Scott unter dem Titel „So spreche ich“ nun nicht mehr unbedingt an Kinder, sondern an ihre Eltern. Der Autor, der immer noch stottert, schreibt, dass dieses Buch seine wahre Geschichte erzählt. Und fragt seine Leser: „Fällt es Ihnen manchmal schwer, das richtige Wort zu finden? Kommt es vor, dass Sie Scheu haben, mit anderen zu sprechen?“ Das klingt nach Selbsthilfeseminar, und man fragt sich, ob es nun wirklich den Vergleich mit der eigenen Erfahrung brauchte, um mit einem stotternden Jungen mitzufühlen.

          Weil Scott also seinem eigenen Buch offenbar nicht ganz über den Weg traut, unterläuft er, was dieses Buch so gut macht: In seinen Bildern und Texten zu zeigen, wie die Welt dieses Jungen aussieht, ja wie sich stottern anfühlen muss. Eine explizite Erklärung hätte es da gar nicht gebraucht. Dieses wunderbare Kinderbuch ist mit seinen Bildern und seiner Sprache schon klar genug.

          Jordan Scott, Sydney Smith: „Ich bin wie der Fluss“. Aus dem Englischen von Bernadette Ott. Aladin Verlag, Stuttgart 2021. 44 S., geb., 18,– €. Ab 5 J.

          Weitere Themen

          Hunger heiligt Kunst

          Essen und Schreiben : Hunger heiligt Kunst

          In den Büchern von Autorinnen wie Sally Rooney, Michelle Steinbeck oder Chris Kraus essen Frauen – oder sie schreiben. Aber nie beides. Über die mystische Tradition einer sehr aktuellen Frage.

          Pariser Obelisk wird restauriert Video-Seite öffnen

          Place de la Concorde : Pariser Obelisk wird restauriert

          Anlass der Reinigung des Monuments ist der 200. Jahrestag der Entzifferung der Hieroglyphenschrift durch Jean-François Champollion. Das eine Million Euro teure Vorhaben wird zu einem Großteil durch das deutsche Unternehmen Kärcher finanziert.

          Topmeldungen

          Die Schläuche einer ECMO-Maschine auf der Intensivstation für Corona-Patienten am Sana Klinikum Offenbach führen zu einem Patienten.

          Omikron in Deutschland : Zahl der Neuinfektionen erstmals über 100.000

          Das Robert-Koch-Institut hat in den vergangenen 24 Stunden 112.323 neue Corona-Fälle registriert. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt bei 584,4. Auch das ist ein neuer Höchststand. Gesundheitsminister Lauterbach setzt auf eine Impfpflicht ab April oder Mai.

          Ärger nach Pokal-Aus des BVB : „Das ist doof. Ich bin sauer“

          Nach dem frühen Aus des FC Bayern sieht sich Dortmund als Topfavorit im DFB-Pokal. Der Titeltraum platzt nach einem erschreckenden Auftritt beim FC St. Pauli. Nicht nur Trainer Marco Rose ist verstört.