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Iben Akerlie: „Lars, mein Freund“. Roman. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. Dtv Reihe Hanser, München 2018. 256 S., geb., 12,95 Euro. Ab 10 J. Bild: Dtv Reihe Hanser

Kinderroman „Lars, mein Freund“ : Mit Trisomie und Phantasie

  • -Aktualisiert am

Alles wird anders, als die Klassenlehrerin Amanda einen neuen Mitschüler mit Chromosom-Anomalie als „Patenkind“ zuweist. Iben Akerlies Debütroman „Lars, mein Freund“ erzählt die Geschichte einer Enthinderung.

          „Aus der Ferne sieht es so aus, als würde er um sich selbst kreisen, sich aber am Rand der anderen aufhalten, ob sie Fußball spielen oder Basketball.“ Das ungewöhnliche Debüt der norwegischen Schauspielerin Iben Akerlie ist ein Inklusionsroman rund um das Down-Syndrom. Die Klassenlehrerin weist nach den Sommerferien der nichtsahnenden Heldin Amanda einen neuen Mitschüler mit Chromosom-Anomalie als „Patenkind“ zu, um ihm bei Hausaufgaben und dem Erlernen sozialer Spielregeln zu helfen. Ein Schuljahr lang begleitet Akerlies Buch „Lars, mein Freund“ Amanda und ihren Schützling.

          Der Roman nähert sich als eine Art Relativitätstheorie der Normalität dem Kind mit Down-Syndrom – nicht als Problemkind, sondern in seinem emotionalen Exil als phantasiebegabtes Spiegelbild der Normgesellschaft. Es zeigt, wie Inklusion im Furor des Optimierens und Bewertens ein Fremdwort geblieben ist. Amanda, die bisher „alle Absonderlichkeiten der Welt“ von sich fernhielt und der die Rolle der Fürsorglichen missfällt, freundet sich mit dem „Zögling wider Willen“ an. Nach anfänglicher Ablehnung macht sie – ähnlich der Trauerphase von Eltern nach der Diagnose – Prozesse der Reifung durch: ausgerechnet durch einen vermeintlich bildungsfernen Menschen.

          Die Autorin, die Sozialkitsch umschifft, indem sie pädagogisches Vokabular sanft ironisiert, findet einen Mittelweg zwischen Förderoptimismus und unbeschönigter Darstellung. Ihre Sozialreportagen und Kontaktgeschichten mit kognitiv oder kulturell anderen kritisieren Wohlwollen statt Teilhabe und fürsorgende Ausgrenzung statt Ebenbürtigkeit. Symptomatisch für die Paralyse und emotionale Prekarität in den gesellschaftlichen Rollenspielen ist das festgefrorene Bild, wenn die Schüler wie in einem Skulpturenpark über den Sportplatz verteilt stehen.

          Eine Enthinderung der Normalität

          Neben Lars ist Kay, der seine Familie in Gambia vermisst, in Amandas Universum wichtig – und ihr Schwarm Adam, wobei Adam und Amanda ihre Gefühle füreinander nicht zu erklären trauen. Während das pädagogische Rettungsangebot für das Integrationskind die sympathisch-hysterische Klassenlehrerin Frau Nielsen überfordert, genießt Amanda die nachmittäglichen Besuche bei Lars und dessen alleinerziehendem Vater in deren wohlig-chaotischer Wohnung. Mit dem Harry-Potter-Adepten erprobt sie Zauberformeln, erfährt Phantasiewelten als alternative Realität. Der gesprungene allegorische Wandspiegel, der Amandas Körperteile lustig multipliziert, parodiert Menschen, die Chromosomen zählen. Ihr wird klar, dass sie nur bei Hausbesuchen bei Lars Freiheit und Narrenfreiheit von der Gesellschaft erfährt.

          Der Teufelskreis des Mobbings auf sozialen Netzwerken beginnt, als Lars sich beim Zirkeltraining in der Turnhalle in einen Derwisch-artigen Tanz steigert und Mitschülerinnen wie Anna und Christina Handykameras zücken. Noch schwerer aber als die Sorge, ihr Patenkind könnte Mobbing-Opfer werden, wiegt Amandas Angst, selbst ausgegrenzt zu werden, weshalb sie dem intriganten Duo in einem Blackout Fotos von Lars zuschanzt, die von den beiden prompt in einen Powerpoint-Vortrag des Naturkundelehrers geschmuggelt werden. Auf der Weihnachtsfeier leistet Amanda in einer filmreifen Szene samt selbstgedrehtem Video „Bekenntnisse einer Mobberin“ vor versammelter Schulgemeinde Abbitte.

          Ob der natürlichen Soziabilität und kalkülfreien Kommunikation von Menschen mit Down-Syndrom mündet das Buch in der philosophischen Frage, wer wirklich Hilfe nötig hat, wenn die Menschen nicht mit Lars, sondern über ihn lachen. Jenseits des Befunds erkennt Amanda Lars’ wahres Humankapital. Ihr gelingt die Dekodierung der Gebärden, devianten Denkwelten und Zauberformeln: Schließlich werde, so sieht es Lars, Harry Potters Freundin Hermine gemobbt, weil sie eigentlich keine richtige Hexe, aber „besonders“ sei und am besten zaubern könne. So ist Akerlies Buch, das die soziale Konstruktion von Bildung und Behinderung kindgerecht zeigt, nicht nur voller Magie, nicht nur Enthinderung der Normalität und eine Feier der Phantasie, sondern auch ein wunderbarer Entwicklungsroman der Empathie.

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