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Bilderbuch von Thé Tjong-Khing : Im verbotenen Tal des Hieronymus Bosch

Thé Tjong-Khing: „Hieronymus“. Ein Abenteuer in der Welt des Hieronymus Bosch. Moritz Verlag, Frankfurt 2016. 48 S., geb., 14,95 €. Ab 5 J. Bild: Moritz Verlag

Unter Landsleuten sind fünfhundert Jahre doch kein Abstand: Der niederländische Illustrator Thé Tjong-Khing erweist einem Alten Meister seine Reverenz.

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          Thé Tjong-Khing, niederländischer Bilderbuchveteran und -virtuose, hat sich vor zehn Jahren mit „Die Torte ist weg!“ internationalen Ruhm erworben und diesen mit zwei Fortsetzungen noch gefestigt. Das Prinzip seiner „Torten“-Trilogie liegt darin, dass um eine einzelne Geschichte - jeweils das Verschwinden eines Kuchens - herum weitere Geschichten erzählt werden. Das erfolgt stumm, also ohne Worte, im Rahmen von Tjong-Khings opulent gestalteten Doppelseiten, die die Handlung immer weiter nach rechts verschieben, in Leserichtung den zeitlich parallel stattfindenden Begebenheiten folgend, deren Beteiligte wiederum in wechselseitige Interaktionen treten, bis man vor lauter Figurenwirbel kaum noch weiß, worauf man achten soll.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das Vergnügen bei dieser Lektüre (besser gesagt: bei diesem Spektakel) liegt in der Herausforderung des kombinatorischen Spürsinns, den es braucht, um doch dem zentralen Geschehen auf die Spur zu kommen und gleichzeitig den je nach Betrachter individuell verschieden wichtig genommenen Randereignissen gerecht zu werden. Dabei kann es durchaus sein, dass Tjong-Khing auch einmal einen Erzählfaden abreißen lässt. Doch der ist dann nicht wichtig für den Hauptstrang; es herrscht bei allem Detailreichtum eine Ökonomie des Erzählens, die stets ganz im Dienste des Darstellungszwecks steht.

          Die Bedrohung ist bald erkannt

          Darin trifft sich Thé Tjong-Khing mit Hieronymus Bosch, dem vor fünfhundert Jahren gestorbenen niederländischen Maler, dessen unbändige Phantasie auch „nur“ im Dienste der religiösen Botschaften seiner Bilder stand. Der Faszination für dieses in der Kunstgeschichte singuläre Werk tut das keinen Abbruch, wie der Publikumserfolg der Jubiläumsausstellung in ’s-Hertogenbosch oder das durchaus politische Interesse eines Schriftstellers wie Cees Nooteboom, der Bosch gerade eine sehr persönliche Abhandlung gewidmet hat („Reisen zu Hieronymus Bosch - Eine düstere Vorahnung“), beweisen. Tjong-Khing indes geht anders vor, er leiht sich bei Bosch Hintergründe und vor allem Figuren aus, um ein geheimnisvolles Tal am Fuß eines steilen Felsabhangs auszustaffieren, in den ein kleiner Junge seinem Fußball und seiner Schirmmütze hinterherstürzt. Wir dürfen ihn angesichts des Buchtitels wohl Hieronymus nennen.

          Unten im Tal wird Hieronymus zum Getriebenen in einer Welt voller Ungeheuer und Seltsamkeiten, und diesmal ist nicht von Beginn an klar, was wohl der eigentliche Kern der Handlung sein wird. Die Suche nach dem markanten Ringelpullover des Jungen in den phantastischen Szenerien nimmt beim ersten Durchsehen so in Anspruch, dass man der subtil konstruierten Suche diesmal kaum gewahr wird. Natürlich hat man bald in einem reptilienartigen Formenwandler die Bedrohung identifiziert, doch was alles auf der Strecke durchs Buch geblieben ist, erschließt sich erst beim großen Finale, bei dem ganz wie in der „Torten“-Trilogie die vielfältigen Verwicklungen entknotet und einer denkbar freundlichen Lösung zugeführt werden.

          Ein Abenteuer

          Nun könnte man einwenden, dass dieses Prinzip den eschatologischen Sinn religiöser Tafelmalerei des Spätmittelalters doch arg verkürzt, aber wir sprechen hier von einem Kinderbuch, dass in kongenialem Geist die Motive Boschs für die Gegenwart nutzbar macht, indem es sie ohne moralischen Hintersinn grafisch weiterentwickelt - bis hin zu so zauberhaften Einzelheiten wie dem modernen roten Pünktchenkleid der Nemesis.

          Und so kommt am Ende etwas heraus, das der deutsche Untertitel noch besser als das Original (wo von einem „vreemde verhaal“ die Rede ist) ein Abenteuer nennt. Wir lesen (oder besser gesagt: sehen) eine Fortsetzung jener Questen, die im Mittelalter, das Bosch beschloss, in schönstem Schwange waren, eine Geschichte, wie er sie wohl auch erzählt bekommen haben wird, um daraus seinen Blick auf die Welt geprägt zu bekommen, der uns heute noch wohlig erschauern lässt vor Freude und Grauen.

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