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Kinderbuch von Saša Stanišić : Gurke, jetzt reicht’s!

Wer sagt, ein Taxi brauche Räder? Wie die Geschichten von Saša Stanišić ignorieren auch die Illustrationen von Katja Spitzer Konventionen souverän. Bild: mairisch Verlag

Brummt ein Mann im Motorraum: In seinem ersten Kinderbuch, „Hey, hey, hey, Taxi“, setzt Saša Stanišić auf entfesselte Phantasie und Humor gleichermaßen.

          2 Min.

          Auf der Taxifahrt zur Bibliothek sind plötzlich „alle Ampeln weg. Wo die Ampeln sein sollten, da sind jetzt große Gurken.“ Für den Taxifahrer ist das kein Grund, anzuhalten: „Wieso? Ist doch grün.“ Dafür hält er an der nächsten Ampel, die aus roten Tomaten besteht. Rätselhaft bleibt nur, wie das Taxi mit seinem Fahrgast von dort aus weiterfahren kann – ändern sie ihre Farbe und werden grün? Verschwinden die Tomaten plötzlich und machen Gurken Platz? Die Fahrt endet dann aber an einer gelben Paprika, dem Fahrgast „wird die Sache doch etwas unheimlich, und ich bitte den Fahrer, mich wieder nach Hause zu fahren, zu dir“.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Diese Heimkehr ist ein festes Element der 28 kurzen Geschichten in „Hey, hey, hey, Taxi“, dem ersten Kinderbuch von Saša Stanišić. Erzählt werden sie jeweils einem Kind (offenbar waren solche Geschichten, gerichtet an den kleinen Sohn des Autors, der Ausgangspunkt für dieses Buch), das die Abwesenheiten des Erzählers über das Abfahren und Ankommen von Taxis wahrnimmt. Was dazwischen passiert – Lesungen, Preisverleihungen, Lektoratssitzungen im Verlag –, bleibt für den Zuhörer abstrakt, aber an das Taxi lassen sich phantastische Geschichten knüpfen. Als Zeichen, dass es um genau dieses gemeinsame Erfinden geht, sind hier in manche Texte kursive Fragen oder Einwände eingefügt, denn statisch sollen die Geschichten ganz offensichtlich nicht sein.

          Beispiele für betulich missglückte Bücher von Prominenten, auch prominenten Autoren, die – angeregt durch die Erfahrung zu Hause – nun plötzlich das Schreiben für Kinder entdecken und Mühe haben, einen überzeugenden Ton zu treffen, gibt es zuhauf. Dieses Werk des Bestsellerautors und Buchpreisgewinners Stanišić entkommt der Gefahr mühelos. Zum einen, weil sein Respekt für den Horizont seines jungen Publikums ersichtlich groß ist, was hier heißt: nicht einfacher, sondern anders erzählen, weil der Maßstab der Literatur für Erwachsene in diesem Zusammenhang nicht gilt. Und zum anderen, weil Stanišić auf entfesselte Phantasie und Humor gleichermaßen setzt, was seinem Geschichtenbuch nur guttut.

          Saša Stanišić, Katja Spitzer: „Hey, hey, hey, Taxi“. Mairisch Verlag, Hamburg 2021. 96 S., geb., 18,– €. Ab 4 J.
          Saša Stanišić, Katja Spitzer: „Hey, hey, hey, Taxi“. Mairisch Verlag, Hamburg 2021. 96 S., geb., 18,– €. Ab 4 J. : Bild: dpa

          Jedes Taxi ist anders, manche sind eigenständige Wesen und keine Artefakte mehr, die Spektren von Größe und Funktion sind weit, die Ziele sind selten verbindlich, und wenn eine Reise am Hafen endet, wo sich ein wüstes Abenteuer mit Piraten entspinnt, dann ist an Lesereisen nicht mehr zu denken – insofern wird hier nicht nur an Freiheitsträume zuhörender Kinder appelliert, sondern auch an die erwachsener Vorleser. Manche Begegnungen bekommen Fortsetzungen, die jeweils aberwitziger als die Vorgänger ausfallen, bunter oder noch souveräner die Naturgesetze ignorierend. Katja Spitzers flächige quietschbunte Bilder stehen dem in nichts nach.

          Umso liebevoller aber pflegt der Erzähler die innere Logik der jeweiligen Geschichten über alle Wendungen hinweg. Sie sind geprägt von Neugier und Freundlichkeit, die sich auf alle Wesen erstreckt, denen Taxifahrer und Fahrgast begegnen, und wo Not herrscht, ist die Hilfe nicht weit. Zugleich stehen die Sinneseindrücke über den langweiligen Erfordernissen der Mechanik, so dass es etwa für die Taxifahrt völlig ausreicht, wenn ein kleiner Mann im Motorraum Brummgeräusche macht. Oder Gemüse den Verkehr regelt.

          Nur dass Saša Stanišić der Geschichte des vor den Paprika flüchtenden Fahrgasts eine zweite hinterher schickt. „Gurke, jetzt reicht’s“, sagt der Erzähler nun und geht den Dingen auf den Grund. Nach Hause fährt er erst, als es Heidelbeeren regnet. Man wäre gern noch länger mit ihm unterwegs.

          Saša Stanišić, Katja Spitzer: „Hey, hey, hey, Taxi“. Mairisch Verlag, Hamburg 2021. 96 S., geb., 18,– €. Ab 4 J.

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