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„Herz Schlag Zeit“ von Christiane Radeke : Da spukt doch Demians Geist

  • -Aktualisiert am

Bild: Thienemann

In Christiane Radekes Debütroman „Herz Schlag Zeit“ spukt der Geist aus Hesses „Demian“: Auch dieses Buch dokumentiert die innige Verschmelzung dreier Jugendlicher.

          In einer Dreiecksbeziehung kann man schon mal durcheinanderkommen. Bereits Emil Sinclair in Hesses „Demian“ glaubt zunächst, er zeichne gerade seine geliebte Beatrice, stellt nach näherer Betrachtung der Skizze jedoch erstaunt fest, dass es sich dabei sowohl um das andere Objekt seiner Begierde, Max Demian, handelt als auch um ein Bildnis seiner selbst. In Christiane Radekes Debütroman „Herz Schlag Zeit“ spukt also Demians Geist, denn auch dieses Buch dokumentiert die innige Verschmelzung dreier Jugendlicher.

          So wie Sinclairs heile Ordnung der Kindheit durch Demians Einfluss zerfällt, eröffnet hier das Eintreffen ihrer neuen Mitschülerin Maria der siebzehnjährigen Tessa eine neue Gedankenwelt. In Begleitung des Außenseiters Marek unternehmen die Mädchen führerscheinlose Spritztouren, feiern sich durch die Berliner Nächte und teilen alle Geheimnisse. Für Tessa, ein blasses Mädchen mit einer Vorliebe für schwarze Kleidung und einer Neigung zu ebensolcher Stimmung, ist Maria eine Befreiung aus der Unscheinbarkeit. Deshalb gleicht Marias Umzug nach Athen zu Beginn des Romans einer Katastrophe. Doch während Tessa Maria sehnsüchtige E-Mails schreibt, hat sich die Dynamik zwischen den Freunden längst verändert: Tessa hat sich in Marek verliebt (doch der ist, wie Tessa selbst, fasziniert von Maria). Dabei lassen sich Tessas Gefühle für Maria und Marek zunehmend schwieriger auseinanderhalten. Beide bewundert sie für deren Schönheit, beide machen sie „glücklich“, und sie staunt, in einer besonders demianhaften Passage, über Mareks mädchenhaftes Äußeres und seine femininen Hände. So spiegelt sich Marek in Maria wie Maria in Marek - und Tessa sieht sich in beiden reflektiert. „Es war wie ein Spiegel“, schreibt sie, „es war oftmals eine ganz andere, ganz neue Sichtweise auf die Welt. Auf mich selbst.“

          Begeisterung für das Schreiben

          Dass es sich bei „Herz Schlag Zeit“ um mehr als eine melodramatische Abhandlung der emotionalen Verstrickungen Pubertierender handelt, wird rasch deutlich. Radeke strukturiert ihren Roman gewandt, stellt den E-Mails, Chat- und Telefongesprächen der Freundinnen längere aus Tessas Perspektive verfasste Prosastücke gegenüber. Tage voller Lebensfreude und Wildheit rekapituliert die Ich-Erzählerin hier, die tiefe Verbindung zwischen den Freunden begründend. Doch die wird Schritt für Schritt untergraben, je mehr sich die Rückblende der Gegenwart nähert.

          Doch die Autorin interessieren nicht nur die Gefühlsregungen ihrer Protagonisten. Nicht weniger Bedeutung misst sie Tessas aufkeimender Begeisterung für das Schreiben zu, versieht deren E-Mails an Maria, Tagebucheinträge und retrospektive Aufzeichnungen mit intertextuellen Referenzen. Es ist das Sichspiegeln in realen wie fiktiven Freunden, welches das Mädchen schließlich erwachsen werden lässt.

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