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Heribert Schulmeyer: „Alwina und Nelli“. Atlantis Verlag, Zürich 2019. 48 S., geb., 16,95 Euro. Ab 6 J. Bild: Atlantis Verlag

Kinderbuch „Alwina und Nelli“ : Ein Pferdeschwanz als Wolkenauspuff

Eine Dame im Sommerkleid, ein Mädchen in der Badewanne: Heribert Schulmeyer verschmilzt die Welt der Erwachsenen mit derjenigen der Kinder im Medium der Kunst.

          3 Min.

          Ein ungewöhnliches Kinderbuch: Auf den ersten Seiten des wie ein Urlaubsalbum querformatigen Buchs „Alwina und Nelli“ begegnen wir ausschließlich einer Erwachsenen. Alwina ist auf Hotelzimmersuche in einem französischen Seebad. Der Autor und Illustrator Heribert Schulmeyer lässt die Frau im leuchtend roten Sommerkleid und Strohhut überstürzt das gebuchte, aber überbuchte Hotel verlassen und sich auf die sprichwörtliche Suche nach neuen Ufern machen, da Alwina im vermutlich einzigen Urlaub des Jahres unbedingt „Meeresblick“ braucht. Die Leser werden trotz der denkbar lakonischen Beschreibung Zeugen eines ungewöhnlichen Auf- und Ausbruchs aus der normalen Routine des Lebens, eines „Coming of Age“ mit vertauschten Rollen.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          In einer kleinen Pension bei Madame Coutard ist schließlich noch das „Petersilienzimmer“ frei, und dieser Pensionszimmername in seiner Mischung aus surrealer Pippi-Langstrumpf-Phantasiewelt und entgleister realer Urlaubshotelwerbewelt-Nomenklatur stimmt den Tenor der folgenden Bilder und jeweils nur lakonisch kurzen Texte an.

          Im Stockwerks-Badezimmer der einfachen Pension stößt Alwina auf das Mädchen Nelli in der Wanne, die über ihre Tante schimpft, weil diese als Pensionsbesitzerin sich nicht um sie als ihre Nichte und Urlaubskind kümmert, sondern nur um die Hotelgäste. Das flaschengrüne Meer in der eingehegten Form einer Badewanne wird damit zum anrührenden Anbahnungsort einer Seelenverwandtschaft zweier Suchender – es ist das unsterbliche Thema „Alt trifft Jung“, nur eben mit zwei sehr unterschiedlich alten Frauen.

          Für phantasieentwöhnte Augen lange unsichtbar

          Die typographisch ungewöhnliche Kursivierung des „und“ im Titel von „Alwina und Nelli“ ist damit zugleich eine Diskursivierung; nach dem gemeinsam verbrachten Urlaub wird für beide nichts mehr wie zuvor allein sein. Als die Erwachsene in den Alltag zurückkehren und das Mädchen zurücklassen muss, bleibt ihr Strohhut als Zeichen der Verbundenheit auf dem Kopf der Kleinen – und das Versprechen, mittels Briefen Kontakt zu halten.

          Kinderbücher kommen bei den Kleinen meist dann gut an, wenn es dem Illustrator ohne durchschaubares Anwanzen gelingt, Besonderheiten der kindlichen Vorstellungswelt in die Bilder einfließen zu lassen, etwa wenn sich entgegen jeder Erwachsenenlogik Dinge dehnen oder den physikalischen Gesetzen hohnsprechen. Im Fall von „Alwina“ sind das einsteinhafte Aggregatzustände der Elemente, die Schulmeyer oft für phantasieentwöhnte Erwachsenenaugen lange unsichtbar ins Bild mogelt. Wenn beispielsweise schon auf dem Titelblatt beim Radfahren direkt hinter Nellis abwehendem Pferdeschwanz die Wolken klein ansetzen und größer werden. Oder auf demselben Bild die regennass spiegelnden Pfützen so umrandet und schattiert sind, dass sie auch verzauberte Eingänge in die andere Dimension eines Alice-Wonderlands sein könnten. Oder wenn die massive Wanne im Badezimmer wie ein transparentes Aquarium wirkt, weil der Maler ihre Wände im exakt selben Türkiston austuscht wie die Badewasseroberfläche, mithin Innen und Außen, Füllung und Hülle in eins fließen.

          Fesselnder Text und erweiterter Impressionismus

          Dass dieses professionelle Wieder-zum-Kind-Werden des Zeichners eine hohe Kunst ist, weil Schulmeyer eben auch die Hochkunst spielerisch beherrscht, erweist sich spätestens an seinen Innenräumen. Ein Tag, an dem Alwina und Nelli nichts miteinander unternehmen, wird durch ein menschenleeres Interieurbild symbolisiert: Das durch die Tür einfallende Licht lässt die Muster und Flecken des hellroten Teppichs einen Tanz vollführen, die Sonne perforiert einen Baum vor dem Fenster und bringt den abgerückten Schreibtischstuhl zu goldwarmem Leuchten, während gerade auf dem Sekretär noch eine aufgeschlagene Seite Lektüre in ihren Ausgangszustand zurücksinkt. Indem Schulmeyer somit erkennbar die notorisch lichtdurchfluteten Innenräume des Impressionismus von Menzels „Balkonzimmer“ bis Matisses Interieurs einfließen lässt und durch das restwarme Nachglühen des Stuhls deutlich macht, dass die Bewohnerin das Zimmer nur für einen Moment verlassen hat, schafft er ein Bild, das Kinder als gewiefte Fährtenleser intuitiv und Erwachsene mit Freude an der Kunst kognitiv erfassen.

          Es kann nur erstaunen, mit wie vielen Farben Blau uns der Aquarellist überrascht – unter der lakonischen Überschrift „Zu zweit war Muscheln sammeln noch schöner“ schimmern die Meeresschönheiten auf sandig-braunem Untergrund in den prächtigsten Türkis- und Violetttönen und liegen zugleich so nebeneinander, dass der breite Schatten die dickeren Muscheln Nellis mit den zierlicheren von Alwina optisch verbindet.

          Alles in allem kreiert Schulmeyer somit neben einem fesselnden Text auch einen erweiterten Impressionismus. Dieser könnte für diese Art „erwachsener“ Kinderbücher wieder Schule machen – er sollte es in jedem Fall.

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