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Henning Wagenbreth illustriert Robert Louis Stevenson : Wenn man Lärm nicht sieht, ist er sinnlos

Bild: Peter Hammer Verlag

Seeräuber gibt es nicht nur auf der Schatzinsel: Henning Wagenbreth hat eine unbekannte Piratengeschichte von Robert Louis Stevenson illustriert.

          Er war ein begnadeter Schriftsteller, aber er wusste auch, wie man die Familie für sich einspannt. Seine Frau Fanny findet sich in einigen Büchern von Robert Louis Stevenson als Mitverfasserin, wobei das auch Ausweis einer emanzipierten Ehe war, die gegen die Konventionen der Zeit geschlossen wurde. 1876 war Stevenson erst fünfundzwanzig, Fanny Osbourne war zehn Jahre älter, verheiratet und Mutter zweier Kinder. Das hinderte beide nicht daran, sich ineinander zu verlieben. 1880 heirateten sie, und dadurch kam noch ein weiteres Talent in die Schreibwerkstatt des schottischen Schriftstellers: Fannys damals zwölfjähriger Sohn Lloyd Osbourne.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Er ist der eigentliche Held in der Entstehungsgeschichte eines Langgedichts seines Stiefvaters, das 1882 in Davos entsteht (wo Stevenson seine Tuberkulose kurieren wollte). „Robin and Ben or the Pirate and the Apothecary“ heißt es, und es erzählt von der alten Freundschaft zwischen dem Seeräuber Robin und dem Apotheker Ben, die bei der Rückkehr des Piraten auf eine harte Probe gestellt wird: Wer von beiden hat auf unlautere Weise mehr Geld gescheffelt? Die Antwort ist überraschend und zieht das Ende der Freundschaft nach sich. Mehr sollte man von der Geschichte nicht verraten.

          Es gibt ja auch genug über ihre Entstehung zu erzählen - und über das, was nun ganz neu aus dieser Geschichte geworden ist. Zunächst zum Ursprung: Eine Kur in Davos war teuer, Stevenson damals noch erfolglos. Das Buch, das ihn berühmt und reich machen sollte, „Die Schatzinsel“, war erst in Arbeit. Wie also sollte sich die vierköpfige Familie Davos leisten können? Der gewiefte Lloyd hatte eine Idee: Er besaß eine Druckerpresse für Kinder und übernahm kleine Druckaufträge für Hoteliers. Das brachte Stevenson auf die Idee, von seinem Sohn eine Gedichtsammlung drucken zu lassen und an andere Kurgäste zu verkaufen. Als auch das erfolgreich war, machte sich der Schriftsteller persönlich an die Herstellung von Holzdruckstöcken für mehrere Ausgaben mit illustrierten Gedichten. Und so kam „Ben und Robin“ in die Welt (wenn auch erst nach dem Ende des Aufenthalts in der Schweiz). Alles war im buchstäblichen Sinne ein Kinderspiel.

          Kolorierungsmut wie bei japanischen Holzschnittkünstlern

          Leider eines, das trotz eines Nachdrucks sämtlicher von Lloyd verlegten illustrierten Gedichte seines Stiefvaters im Jahr 1921 weitgehend in Vergessenheit geraten ist - und auf Deutsch ohnehin nicht zu greifen war. Das hat sich nun geändert, und so kommen wir zur Gegenwart: Der Berliner Illustrator Henning Wagenbreth hat „Robin and Ben“ als „Der Pirat und der Apotheker“ übersetzt und auch gleich neu illustriert. Und seien wir ehrlich: Seine für ein schönes Großformat gearbeiteten Bilder, bisweilen ganz- oder gar doppelseitig, machen mehr her als die epigonalen Holzschnitte, die der weitaus eher schriftstellerisch als graphisch begabte Stevenson vor hundertdreißig Jahren angefertigt hat.

          Dabei steht auch Wagenbreth, der an der Universität der Künste Illustration lehrt, in der Tradition des Holzschnitts. Nur nutzt er als technisch versierter Künstler alle ihm zur Verfügung stehenden modernen Mittel. Das beginnt bei den Figuren, deren Gestalt sich eher an der Vektorenästhetik früher Computerspiele und deren noch eckigen Bewegungen orientiert, und endet bei einer aufwendigen Farbgebung, die am meisten vom Kolorierungsmut japanischer Holzschnittkünstler der Meiji-Zeit gelernt hat - niemand kontrastiert derzeit so intensive Farbtöne miteinander wie Henning Wagenbreth.

          Das Piratenleben ist eben blutig und brutal

          Dabei nutzt er das Erscheinungsbild von Papiertheatern, deren Kulissen und Perspektiven er aber auf die zweidimensionale Fläche seiner Zeichnungen verlagert, was zu einem irritierenden Effekt führt, weil alle Proportionen und Fluchtlinien zueinander verschoben scheinen. Gleichzeitig ist just diese Verunsicherung des Blicks eine höchst herausfordernde: Wagenbreths Illustrationen laden geradezu dazu ein, verstehen zu wollen, was da im Wortsinne schiefgegangen ist. Irgendwann wird man merken: nichts. Aber bis dahin hat man viel über die Anfertigung von Zeichnungen gelernt.

          Und die historischen Reminiszenzen in Wagenbreths Illustrationskunst lassen jene schönen Verfremdungseffekte zu, die sein Markenzeichen sind und aus der Verbindung einer vor Jahrhunderten spielenden Geschichte mit einer absolut modernen Gestaltung entstehen. Das war schon bei „Das Geheimnis der Insel St. Helena“ so, Wagenbreths „Tollem Heft“ aus dem Jahr 2002, und es ist nun wieder der Fall bei „Der Pirat und der Apotheker“. Diese Stevensonsche Vorhut zur jugendgerechten, weil moralisch akzentuierten „Schatzinsel“ ist drastisch im Stoff und deshalb auch drastisch in der Darstellung durch Wagenbreth. Hier ist das Piratenleben blutig und brutal. Man kann den Lärm beim Entern und Morden sehen. Aber was ist das schon gegen das Dasein eines bürgerlichen Apothekers? Staunen und schaudern Sie mit.

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