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Harriet Grundmanns Bilderbuch „Das fünfte Schaf“ : Wo Schafe sind, darf der Wolf nicht fehlen

Bild: Peter Hammer Verlag

„Eines Abends sah sich Lina die Schafe ganz genau an, die sie sonst beim Einschlafen nur zählte“ - wenn ein Buch so beginnt, wird man nervös. In Harriet Grundmanns Gutenachtgeschichte nimmt ein Mädchen seine schlimmen Träume einfach nicht mehr hin.

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          „Eines Abends sah sich Lina die Schafe ganz genau an, die sie sonst beim Einschlafen nur zählte“ - wenn ein Buch so beginnt, wird man nervös.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Natürlich aus Neugierde - was mag bei dieser Schafsprüfung herauskommen? -, aber auch, weil man lange suchen muss, um einen derart gelungenen ersten Satz zu finden, einen Satz, der so geradewegs in das Buch hineinführt, ohne dabei gewollt oder geradewegs darauf hingebastelt zu erscheinen, der vor Anspannung federt wie ein gutes Sprungbrett. Und man daher hofft, dass die Autorin nach diesem Auftakt die Sache nicht vergeigt.

          Das Schaudern der Schafe

          Davon ist Harriet Grundmann mit ihrem Kinderbuch „Das fünfte Schaf“ glücklicherweise weit entfernt. Ihre äußerst klarsichtige Lina geht den Dingen mit derselben Lakonie und Präzision auf den Grund, die der erste Satz verspricht: Statt über den Schafen einzuschlafen, reißt sie die Augen auf, mustert das erste, dicke Schaf, das zweite, das komplett geschoren ist, das dritte, kleine, das vierte, schwarzgefleckte, und schließlich das fünfte, das offensichtlich nicht hier hingehört - es handelt sich um einen Wolf.

          Die Entdeckung, die die wirklichen Schafe zusammenschaudern lässt (bis auf das eine, geschorene, das dem Wolf zuzwinkert und damit spätestens jetzt auch als Spender der Schafsverkleidung identifiziert wäre), lässt Lina kalt. Und das ist das eigentliche Wunder dieses Buches: Es zeigt ein Kind in einer eigentlich furchteinflößenden Situation, die Unsicherheit des Schlafengehens, die in diesem Alter bei vielen Kindern ständige Angst vor bösen Träumen, aber es zeigt ein Mädchen, das das Heft in die Hand nimmt und die Situation in ihrem Sinne entschärft - für sich, für die ängstlichen Schafe und nicht zuletzt für den Wolf, der doch so gern dabei sein möchte.

          Streit möchte man mit ihr jedenfalls nicht

          Mit diesem Wechselspiel aus Bedrohung und Beherrschung spielen Tobias Krejtschis Bilder mit großer Souveränität. Seine Gestalten sind durchweg mager, sie haben scharfe Konturen und gehetzte Züge, und wenn Lina den Wolf mit dem spitzen Zeigefinger zu sich heranwinkt, dann liegt in dieser Geste so viel Kraft und Würde angesichts des mit gefährlich scharfen Zähnen ausgestatteten Tiers, dass man mit dem Mädchen jedenfalls keinen Streit haben möchte. Auch nicht als Wolf.

          Und, darf er bleiben? Lina findet eine großartige Lösung: „Gut, dass du zu denen gehörst, die knurren können, spitze Zähne haben und schnell laufen können“, sagt sie zu dem enttarnten Wolf. „Ich träume nämlich jede Nacht von einem Monster, und deshalb traue ich mich kaum noch einzuschlafen. Könntest du das Monster diese Nacht mit deinen spitzen Zähnen, dem Knurren und dem ganzen anderen bitte verjagen?“

          Der Wolf geht ans Werk, jetzt wieder ganz Raubtier. Jedenfalls fast: „Aber die Kappe behalte ich auf“, sagt er. Wer wollte sie ihm nehmen?

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