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Hannes Wirlinger: „Der Vogelschorsch“. Mit Bildern von Ulrike Möltgen. Verlag Jacoby und Stuart, Berlin 2019. 304 S., geb., 18,– Euro. Ab 14 J. Bild: Jacoby und Stuart

Jugendroman „Der Vogelschorsch“ : Wofür steht der Rabe?

Zwei Jugendliche aus zwei Welten: Lena ist vierzehn und ein beliebtes Mädchen in dem idyllischen Dorf, Georg ein schmächtiger Siebzehnjähriger, der mit den Vögeln kommuniziert. Hannes Wirlinger schildert eine Freundschaft.

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          Die Angst vor Einsamkeit und das Gefühl von Haltlosigkeit, die sich durch eine glückliche Liebe oder das Erwachsenwerden auflösen: Das sind die typischen Ingredienzien für eine Coming-of-Age-Geschichte. In seinem Romandebüt „Der Vogelschorsch“ entwirft Hannes Wirlinger das Gegenteil davon, eine Jugend voller Trauer und Schmerz, und feiert dabei das Außenseitertum.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Hauptprotagonisten sind Lena und Georg, genannt „der Vogelschorsch“. Beide befinden sich am Beginn ihrer Adoleszenz, aber unterschiedlicher könnten die beiden nicht sein. Lena ist vierzehn und ein beliebtes Mädchen in dem idyllischen Dorf bei Linz, in dem die Geschichte angesiedelt ist. Ihre Klassenkameraden, vor allem ihre besten Freunde „Lederer Lukas“ und „Mühltaler Max“, sind in sie verliebt, ihre Erzfeindin „Feichtinger Simone“ hat sie im Griff. Georg hingegen ist ein schmächtiger Siebzehnjähriger mit einer „Frisur, als hätte ihm jemand einen Topf schräg auf den Kopf gesetzt“, großen blauen Augen und einer „hellen, durchsichtigen Haut wie Pauspapier“. Er interessiert sich für Ornithologie, spaziert tagträumerisch durch den Wald und kommuniziert mit Vögeln, als wären es seine Freunde.

          Wie passen diese beiden Welten zusammen? Es sind die Erwachsenen, die im Dasein von Lena und Georg für Unruhe sorgen und die Ursache für ihre Schicksalsgemeinschaft sind. Einfühlsam zeichnet Wirlinger nach, wie schwer für beide die Trennung der jeweiligen Eltern abläuft, wie schmerzlich Verlust ist, aber auch, wie ihre enge Freundschaft über die Einschnitte des Lebens hinweghelfen kann.

          Diese starke Ambivalenz zwischen Freude und Trübsinn

          Es erstaunt, wie die beiden ihre Probleme angehen, im Gegensatz zu Lenas Eltern, die sich „tagtäglich streiten“, oder Georgs Vater, der die Sorgen des Alltags in Alkohol ertränkt und seinen Sohn schlägt. Obwohl Lena häufig die Rolle einer Beobachterin einnimmt, wird sie für Georg zur wichtigsten Bezugsperson. Sie ist es, die ihn vor den Streichen ihrer besten Freunde schützt, die ihm hilft, als all seine selbstgebauten Vogelhäuser zerstört werden.

          Wirlinger begleitet die beiden beim Wandern durch den Wald, bei abendlichen Ausflügen und intimen Gesprächen. Er zeichnet die Charaktere tiefsinnig mit all ihren Widersprüchen und entwickelt einen Stil, der beschreibt, was es für Jugendliche bedeutet, scheinbar allein auf der Welt dazustehen. Obwohl sein Buch zunächst düstern erscheint, entwickelt es sich am Ende zu einer aufmunternden Ode an die Seelenverwandtschaft.

          Es ist diese starke Ambivalenz zwischen Freude und Trübsinn, die den Roman zu einer besonderen Leseerfahrung macht. Der Autor wagt sich an komplexe Themen, scheut nicht die rationale Beschreibung, geht aber so behutsam vor, dass der schwierige Stoff auch für junge Leser verträglich ist. Ähnlich doppeldeutig wie das Buch ist auch einer der Lieblingsvögel von Georg, ein Rabe, den er Herr Schwarzfeder nennt. „Später einmal habe ich gelesen, dass der Rabe für Tod steht, aber auch für Hoffnung und Weisheit.“ Ob sich für Georg dieser Gegensatz von Tod und Leben zum Positiven auflösen wird, beantwortet die bewegende Geschichte.

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