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Hank Greens Debütroman : Wie sich ein Mensch zur Marke macht

  • -Aktualisiert am

Hank Green Bild: Ashe Walker - Marsupial Pudding LLC

Popularität als Droge: Hank Greens Debütroman „Ein wirklich erstaunliches Ding“ handelt von den unseligen Nebenwirkungen des Ruhms.

          Kann das gutgehen? Nachdem sein großer Bruder John mit „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ eines der erfolgreichsten Jugendbücher der vergangenen Jahre geschrieben hat, legt nun auch Hank Green einen Roman vor. Er heißt „Ein wirklich erstaunliches Ding“, porträtiert den Alltag der Digital Natives und ist mithin durchzogen von autofiktionalen Momenten. Denn für den neununddreißigjährigen Green ist das Internet eine Art Atelier, in dem er sein Ich modelliert, zurechtstutzt, ja überhaupt erst hervorbringt. Er moderiert den Video-Blog „SciShow“, hat gemeinsam mit John Green die Youtube-Kanäle „Vlogbrothers“ sowie „Crash Course“ gegründet und erreicht online mehr als acht Millionen Abonnenten. Die von ihm produzierte Web-Serie „The Lizzie Bennet Diaries“ wurde mit einem Emmy ausgezeichnet.

          Jetzt also Literatur. Die Vorbehalte liegen auf der Hand: Ist es Greens Absicht, die von ihm und seinem Bruder großgezogene und liebevoll gepäppelte Cashcow bis zum letzten Tropfen zu melken? Zeugt es von Chuzpe oder mangelnder Originalität, dass sich sein Roman ebenfalls an Teenager und junge Erwachsene richtet? Kann er überhaupt schreiben? Hat er etwas zu erzählen?

          Ausgeklügelte Selbstdarstellungsstrategien

          Kann er, hat er. „Ein wirklich erstaunliches Ding“ ist in mancher Hinsicht das, was der Titel verheißt. Es ist ein Buch, in dem jener Bereich modernen Lebens soziologisch und psychologisch vermessen wird, den Kulturkritiker gerne als Hauptrivalen des Buchs brandmarken. Dabei müssen sich digitale und literarische Welt nicht ausschließen. Green sagt: „Ich wünsche mir nur, dass wir uns immer wieder gegenseitig daran erinnern, was für eine coole Sache Bücher sind.“

          Hank Green: „Ein wirklich erstaunliches Ding“. Roman. Aus dem Englischen von Katarina Ganslandt. Dtv Bold, München 2019. 448 S., geb., 22,– Euro. Ab 14 J.

          Sein Debüt handelt von der Persönlichkeitsentwicklung einer Produktdesignerin namens April. Sie ist dreiundzwanzig Jahre alt und hat stets dagegen angearbeitet, süß gefunden zu werden. Nun bekommt sie die Gelegenheit, den Niedlichkeitsimperativ ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen, denn sie erlangt zunächst eine gewisse Popularität, dann größere Bekanntheit, anschließend den Status eines Idols und schlussendlich weltweite Prominenz. Jeden dieser Schritte kontrolliert sie mit mal ausgeklügelten, mal überstürzten Selbstdarstellungsstrategien. Ob Facebook oder Twitter, Youtube oder Instagram, April lässt ihre Follower nie lange warten. Dabei weiß sie doch eigentlich: „Der Trick, um wirklich cool rüberzukommen, besteht darin, dass einem die Meinung der anderen komplett scheißegal sein muss.“

          Narzissmus und Größenwahn

          Ihren Ruhm verdankt April den Außerirdischen. Sie sind auf der Erde gelandet und haben an vierundsechzig Orten Skulpturen aufgestellt, die aus einem unbekannten Material bestehen und anmuten wie „Transformer in Samurai-Rüstung“. April entdeckt als Erste den in New York plazierten Roboter, nennt ihn Carl und beginnt, über das Phänomen in sozialen Netzwerken zu berichten. Die Aliens versorgen die Menschen derweil mit komplizierten Denkspielen. Warum? Weiß keiner. Aber während es die einen wunderbar finden, die Weltbevölkerung im Rätselknackerfieber vereint zu sehen, wittern die anderen eine feindliche Übernahme des Planeten. April freut sich über den extraterrestrischen Besuch und tritt als Moderatorin und Zeremonienmeisterin des Geschehens hervor.

          Mit stupender Einfühlung schildert Green, wie sie sich dabei von einem Menschen in ein Symbol und eine Marke verwandelt, wie sie einen ansehnlichen Größenwahn kultiviert, um dann wieder an sich zu zweifeln und zu verzweifeln. Die Selbstbespiegelung, der rasant zunehmende Narzissmus, die mit koketter Eigenwerbung betriebene Imagepflege – all das seziert der Autor so gründlich, bis die dahinter verschanzten Wünsche, Ängste und Affekte offen vor uns liegen. Am Ende ist April eine bedauerliche Marktschreierin.

          Dass es bei solcher Kommunikation weniger um die Sach- denn um die Sozialdimension der Aufmerksamkeit geht, ist aus anderen Zusammenhängen bekannt, wird von Green aber besonders nachvollziehbar entfaltet. In Georg Francks 1998 erschienenem Buch „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ heißt es: „Die Aufmerksamkeit anderer Menschen ist die unwiderstehlichste aller Drogen.“ April formuliert es ähnlich: „Berühmtsein ist eine Droge.“ Auch die Lektüre von Greens Erstling entwickelt einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Das Ende führt indes zu großer Ernüchterung. Nicht weil es missraten wäre, sondern weil es offenbleibt. Allerdings nicht mehr lange – das Sequel ist bereits in Planung.

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