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Günter Spang, Beatrice Braun-Fock: „Kapitän Bommel und die Seeschlange“. Thienemann-Esslinger Verlag, Stuttgart 2019. 32 S., geb., 12,– Euro. Ab 4 J. Bild: Thienemann-Esslinger

Bilderbuch-Klassiker : Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern

Wo tut’s denn weh? Günter Spangs Kapitän Bommel beweist ein Herz für Tiere - auch wenn es sich um eine riesige Seeschlange handelt, die selbst mit Matrosen nicht gerade zimperlich umgeht.

          Wozu alte Seebären in Kinderbüchern so oft eine Tabakspfeife im Mund haben? Um sie nicht einmal herauszunehmen, wenn sie etwas sagen. Wenn sie überhaupt mal etwas sagen. Oder brummen, wie Kapitän Bommel.

          „Ach, Quatsch! Dafür bin ich ja da!“, brummt Kapitän Bommel immer, wenn sich mal wieder Leute bei ihm bedanken wollen, weil er sie aus Seenot gerettet hat: bei Sturm, in der Nacht, wenn ihr Schiff nicht weiterfahren konnte - oder wenn die Seeschlange mal wieder ein Segelboot umgestoßen, einen Mast abgerissen oder sich um ein Schiff geschlungen hat. Groß genug dazu ist sie, „mindestens so lang wie fünf Eisenbahnzüge“, und gemein genug ganz offensichtlich auch.

          Kein Wunder, dass alle Leute Angst vor ihr haben, und kein Wunder, dass der Kapitän die große Ausnahme ist, schließlich haben wir es beim Bilderbuch „Kapitän Bommel und die Seeschlange“ mit der Neuauflage eines Klassikers aus dem Jahr 1962 zu tun, illustriert von Beatrice Braun-Fock und geschrieben von Günter Spang, dem 2011 verstorbenen Autor von „Williwack - Die Abenteuer eines reiselustigen Pinguins“ oder „Mein Onkel Theodor oder Wie man im Schlaf viel Geld verdient“. Meggie, die zwölf Jahre alte Heldin aus Cornelia Funkes Welterfolg „Tintenherz“, zählt es zu ihren Lieblingsbüchern, und die Verschmitztheit, mit der hier ein alter Topos in maritimer Variante erzählt wird, aufs schönste mit ein paar Fäden Seemannsgarn verwoben, gibt ihr recht.

          Eine auffällige Verdickung

          Als sich die Seeschlange nämlich eines Tages Kapitän Bommels Leuchtturm hinaufwindet, bis sie oben zum Fenster reinschauen kann, und ihm die ganze gute Stube nassheult, vergisst der gutmütige Kapitän, dass er sie eigentlich nicht leiden kann, dass sie böse ist und jedes Mal, wenn er sie mit seinen Leuten wieder in einem langen Netz gefangen hat, entkommt und ihm mit einem Schwall Wasser die Pfeife löscht. Er schaut ihr in den Rachen, kann aber bei allem, was er über Seeschlangenzahnheilkunde weiß, keinen Grund für die offensichtlichen Schmerzen des Überraschungsgasts erkennen. Also raus aus dem Leuchtturm, um den Leib des Ungeheuers der Länge nach zu examinieren, Stück für Stück.

          Das wilde Tier, vom unerschrockenen Menschen aus einer Notlage befreit und diesem fürderhin ergeben, ist als Motiv schon in der Antike bekannt: Eine frühe Fassung ist die Geschichte des entflohenen Sklaven Androklus, der einem Löwen einen Dorn aus der Tatze zog, mit ihm eine Höhle teilte und ihn, nachdem er aufgegriffen worden war und wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen werden sollte, im Circus Maximus wiedersah. Bei der Seeschlange ist es eine auffällige Verdickung, die ihr zu schaffen macht, und dass Kapitän Bommel mit einem langen Seil und einer Mischung aus halbem Anker und Angelhaken schließlich ein Ruderboot samt Matrose zutage fördert, kann den Seemann nicht erschüttern. Der arme Matrose indes staunt nicht schlecht, berappelt sich aber schnell und rudert umgehend ans Festland.

          Dieses entspannt-hintersinnige Lächeln

          Im Folgenden lernt Kapitän Bommel die Annehmlichkeiten kennen, wenn ein Meeresungeheuer einem zugetan ist: Konnte der radsportbegeisterte Insulaner bislang immer nur im winzigen Kreis um seinen Leuchtturm herumfahren, legt sich die Schlange jetzt zwischen Leuchtturm und Hafen flach aufs Wasser, sobald Bommel mit dem Seesack den Leuchtturm verlässt, so dass er nicht länger auf seinem Seenotretter zur Arbeit rudern muss. Auch bei der Arbeit begleitet der neue Freund den alten Kapitän, und wenn sich die Schlange jetzt um ein Schiff ringelt, dann nicht, um es umzukippen, sondern um es aufzurichten oder vor dem Untergang zu bewahren. Wie viel spaßiger es ist, von ihr aus dem Wasser gerettet zu werden und auf ihr reitend den Hafen anzusteuern, zeigen Beatrice Braun-Focks Bilder nur zu gut.

          Überhaupt, die Bilder: Dramatische Seenotszenen wechseln sich ab mit Situationen, in den die Schaumkrönchen auf den Wellen rund um den Leuchtturm kaum mehr sind als Dekor, farbenfrohe Doppelseiten mit ausschließlich in Blautönen gehaltenen Bildern. So bewegungsreich die Gemälde angelegt sind, so reduziert sind die Gesichtsausdrücke der Figuren: Ein weit geöffneter Mund und große Augen müssen für die Schiffbrüchigen genügen, die emotionale Ausdeutung wird den kindlichen Lesern überlassen. Und Kapitän Bommel kennt ohnedies nur dieses entspannt-hintersinnige Lächeln, bei Beatrice Braun-Fock nicht mehr als die Fortsetzung des Pfeifenstiel-Strichs im Gesicht. Die feine, warme Lakonie der Illustrationen fängt die der Erzählung auf - und die ihrer Hauptfigur. Dazu ist sie ja da.

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