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Kinderbuch von Gerda Raidt : Mein erstes aufgeschlagenes Knie!

Eine Stadt-, keine Landplage: Der Nachbar hat nichts gegen Tauben. Bild: Gerda Raidt / Gerstenberg Verlag

Das Landleben ist anders als ihr denkt, und ich bin es auch: In ihrem Kinderbuch „Limonade im Kirschbaum“ lässt Gerda Raidt einen Jungen über sich und seine Eltern hinauswachsen.

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          Wenn Ottos Eltern erzählen sollten, wie das alles überhaupt passieren konnte, würden sie über die Mühe sprechen, die es sie kostet, den Jungen auch nur eine Minute an der frischen Luft zu halten. Zur kleinsten Bewegung hätten sie ihn immer schon zwingen müssen, weil er sich am liebsten mit seinen Hörbüchern in die Kissen verzieht. Es ist zum Verzweifeln, würden sie sagen, und dann auf den Baumhaus-Bausatz zu sprechen kommen, den sie für den Kirschbaum neben ihrem Häuschen im Grünen besorgt haben, drei große Pakete, alles dabei, mit Fenstern und einer Veranda mit einem weißen Zäunchen drum rum und „hübschen Dekoideen“, nur drei verdammte Schrauben fehlen, zum Befestigen am Baum. Vielleicht würde Ottos Vater nicht erwähnen, dass er noch großspurig angekündigt hatte, dann eben ein bisschen zu improvisieren.

          Zum Glück lässt Gerda Raidt in ihrem Kinderbuch „Limonade im Kirschbaum“ aber Otto selbst diese Geschichte erzählen, und so treten hier schon, bevor es richtig losgeht, die Vorurteile, die Erwartungen, der Druck der Eltern zutage, mit denen sie von ihrem „Zuckerflöckchen“, ihrem „Butterherzchen“, ihrem „Zimtsternchen“ so gut gelaunt und gut gemeint und penetrant etwas wollen, dass es kein Wunder ist, wenn ein Kind unter all diesen Ansprüchen selbst nicht weiß, was es will. Außer seine Ruhe.

          Das Baumhausbauen eskaliert, es gibt Streit, am Ende fällt Ottos Vater von der Leiter, muss ins Krankenhaus, und Otto bleibt allein im Sommerhaus der Familie, mit dem Handy der Mutter, für alle Fälle. Und mit einem seltsamen Jungen auf der anderen Seite des Gartenzauns, einem von diesen Dörflern, die keinen Geschmack haben, wie Ottos Mutter sagt, und ständig vor dem Fernseher sitzen, bis sie ganz dick sind. Wenn sie nicht gerade Lärm machen oder sich aufdrängen wie der Nachbar nebenan, eine richtige Landplage ist der. Jetzt ist Otto einen halben Tag lang allein - in diesem Haus, unweit von Dorf und Dörflern, allein mit den übernommenen Vorurteilen und einem Gleichaltrigen gegenüber, der sie mit einiger Geduld und Liebenswürdigkeit entkräftet.

          Als Illustratorin hat sich Gerda Raidt bereits einen Namen gemacht: Wir kennen ihre Zeichnungen aus einem Bilderbuch von Rafik Schami ebenso wie aus den neueren „Fünf Freunde“-Abenteuern und durch Sachbücher für Kinder. Hier erzählt sie erstmals auch. Sie lotet, wie sie selbst es formuliert, „die vielfältigen Möglichkeiten von Bild und Text aus einer Hand aus“. Und nicht nur, wie sie in ihren Zeichnungen den Blick über die Felder oder die Abenddämmerung im Garten einfängt, sondern auch, wie sie auf Doppelseiten den Text illustrativ rahmt, macht „Limonade im Kirschbaum“ zu einem wunderschönen Buch. In der erzählerischen Gestaltung der Eltern erlaubt sich die Autorin allenfalls - mit dem mütterlichen Hang zu Kosenamen aus der Konditorei, mit dem hilflosen Aktionismus der beiden - kleine Ausflüge in die Satire. Dass daneben die Liebe der Eltern für ihren Otto und auch ihre Liebe füreinander spürbar bleiben, zeigt, wie fein Gerda Raidt auch mit Worten zeichnen kann.

          Gerda Raidt: „Limonade im Kirschbaum“. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2020. 144 S., geb., 13,– €. Ab 8 J.

          Finn, der Junge auf der anderen Seite des Gartenzauns, ist nicht halb so dick und dumm, wie er dem armen Otto in seiner Pappverpackung des Baumhauses, in die er sich nach dem Streit unterm Kirschbaum zurückgezogen hatte, erst einmal erschienen ist. Finns Baumhaus in der Lindenallee, die zum abgebrannten Gutshaus führt, ist zwar nicht viel mehr als ein Brett, aber wenn man es erst einmal nach oben geschafft hat, braucht es auch nicht viel mehr als ein Brett zum Glück. Ein bisschen Phantasie vielleicht. Und einen Jungen neben sich, der Stück für Stück zum Freund wird. Ohne dass die Eltern davon erfahren, die sich abends nur darüber aufregen, dass Mutters Handy ausgegangen ist und sie ihren Otto nicht erreichen konnten.

          Das abgebrannte Gutshaus mit der dunklen Geschichte - „Lebensgefahr!“ steht auf einem Schild am abgesperrten Tor - ist natürlich am nächsten Tag fällig zur Erkundung. Unterwegs gibt es nicht nur eines von diesen aufgeschlagenen Knien, von denen Ottos Vater immer so schwärmt, sondern auch Piekser und Kratzer von Brennnesseln und Brombeeren, am Ziel eigentlich nicht viel zu sehen, dafür hinter den Überresten des Gutshofs eine kleine Gruft, in der Finn und Otto schließlich vom Nachbarn ertappt werden, der sie vor die Eltern schleppt. „Jetzt, wo ich endlich mal in einer Geschichte war, war sie auch schon wieder zu Ende“: So kommentiert Otto die eher unspektakulären Entdeckungen im alten Gutspark. Was er ihnen mit seiner Phantasie hinzufügen kann und dass die Geschichte von „Limonade im Kirschbaum“ erst durch seinen Mut im anschließenden Streit zwischen Eltern und Nachbarn ihre schönste Wendung erfährt, kann er da noch nicht ahnen.

          Gerda Raidt: „Limonade im Kirschbaum“. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2020. 144 S., geb., 13,– €. Ab 8 J.

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