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Julie Völk illustriert Grimm : Der verräterische Dalí-Bart des Fuchses

Tief hinab geht es in „Die zertanzten Schuhe“ für die Prinzessinnen, die schon von ihren Prinzen erwartet werden. Dass der alte Soldat ihnen diese Freude vermiesen wird, können sie nicht wissen. Bild: Julie Völk / Gerstenberg Verlag

Die Märchen der Brüder Grimm erscheinen bis heute in immer neuen Ausgaben. Julie Völks Bilder interpretieren sie als Ausgangspunkt für schöpferische Phantasie.

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          Das Ende steht hier am Anfang: „Der goldene Schlüssel“, das Märchen also, das seit 1815 die klassischen Ausgaben der Grimm’schen „Kinder- und Hausmärchen“ beschließt und zugleich ein ewiges Weitererzählen verheißt, bildet überraschenderweise den Auftakt von „Zur Zeit, wo das Wünschen noch geholfen hat“, einer jüngst erschienenen Auswahlausgabe der Märchen. Dreißig Texte sind hier versammelt, darunter die meisten bekannten – Dornröschen, Hänsel und Gretel, der Froschkönig und viele mehr –, aber auch einige eher apokryphe.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Zusammengehalten werden sie von der Illustrationskunst Julie Völks. Deutlich wird ihre Handschrift im Vergleich mit Grimm-Illustrationen anderer Künstler zu denselben Texten. Im Märchen „Der goldene Vogel“ etwa beklagt ein König, dass ein Dieb Nacht für Nacht seinen schönen Garten heimsucht und jedes Mal einen goldenen Apfel vom Baum stiehlt. Als der älteste und der mittlere seiner drei Söhne Wache stehen, schlafen sie ein. Nur der jüngste stellt den Dieb, einen goldenen Vogel, der aber entkommt. Nun werden die drei Prinzen auf die Suche nach dem Vogel geschickt und treffen dabei nacheinander auf einen sprechenden Fuchs, der ihnen seine Hilfe anbietet. Die beiden älteren Prinzen schießen auf ihn und verfehlen ihn, der jüngere vertraut sich ihm an: „Damit du schneller fortkommst, so steig hinten auf meinen Schwanz“, sagt der Fuchs zu ihm, und genau das tut der Königssohn. Im Märchen ist dies der Moment, in dem die Magie – ein sprechender Fuchs! – nicht nur auftritt, sondern von einem nichtmagischen Protagonisten wie dem Prinzen auch als Helfer akzeptiert wird – mit allen Folgen, die das für ihn haben wird.

          Daher ist dieser Moment auch ein bevorzugtes Sujet für Illustratoren – so haben ihm etwa Otto Ubbelohde (1907), Ruth Koser-Michaels (1937), Gerhard Oberländer (1962), Lilo Fromm (1966) und jetzt Julie Völk jeweils ein Bild gewidmet. Entscheidend ist, wie dabei die Dynamik der Situation aufgefasst wird, die seltsame Reiterei und die Geschwindigkeit, von der es heißt: „Da ging’s über Stock und Stein, dass die Haare im Winde pfiffen.“ Ubbelohde nimmt in seiner schwarz-weißen Federzeichnung die Beschreibung ganz wörtlich – der Fuchs springt gerade über ein paar Felsbrocken, und der Prinz, der sich an den Schwanz klammert, hat Mühe, nicht zu Boden zu fallen. Ganz anders der wie ein Faschingsprinz gewandete Fuchsreiter bei Koser-Michaels, dem eine Hand auf dem Tiernacken genügt, um oben zu bleiben.

          Brüder Grimm, Julie Völk: „Zur Zeit, wo das Wünschen noch geholfen hat“. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2021. 400 S., geb., 32,- €. Ab 4 J.
          Brüder Grimm, Julie Völk: „Zur Zeit, wo das Wünschen noch geholfen hat“. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2021. 400 S., geb., 32,- €. Ab 4 J. : Bild: Verlag

          Oberländers Prinz sieht in seinem Anzug und dem Seppelhut aus wie ein furchtsamer Angestellter auf dem Heimweg, den es plötzlich auf den Fuchsschwanz verschlagen hat, wozu die weichgezeichnete, betont märchenhafte Szenerie Lilo Fromms in ihrer bezwingenden Schönheit den Gegenpart liefert: Ihr Prinz sitzt auf einem etwa doppelt so großen Fuchs, der konzentriert und, wie es scheint, in vollendeter Eleganz durch ein Märchenreich läuft, zu dessen Rätseln er allein die Schlüssel hat.

          Mit roten Wangen durch den Wald

          Völk wählt einen ganz anderen Zugang; es geht ihr weder um anatomischen Realismus in einer märchenhaften Welt noch um Parodie oder um eine Parabel auf die zeitgenössische Gesellschaft, und sie schwelgt auch nicht in der traumhaften nächtlichen Szenerie, die der Märchenbeginn nahelegt. Ihr Prinz, der einzige in dieser Reihe ohne Kopfbedeckung, trägt nur ein Zeichen der enormen Geschwindigkeit dieses Ritts, rote Wangen, während der Fuchs die Ohren aufstellt und sein prächtiger Dalí-Schnurrbart durch den Wind nach hinten gestreckt wird, ganz als könnte der Prinz, wäre er nicht so einfältig, wie Völk ihn zeichnet, an diesem Attribut den in Fuchsgestalt verzauberten Menschen erkennen.

          Diese Einfalt jedenfalls kostet Völk aus: In einem ganzseitigen Aufriss des Schlosses, in dem der Prinz herumirrt, um dann an einer einfachen und klaren Aufgabe zu scheitern, lässt Völk ihn – in spielerischer Erweiterung der Vorlage – auch noch einem schlafenden Dornröschen begegnen, was ihn so überfordert, dass es nur zum Kopfkratzen reicht. Einen Helden präsentiert sie uns nicht, die Verzweiflung des Fuchses über den immer wieder seine Ratschläge missachtenden Schützling versteht sie offenbar gut genug, um daraus einige Bildideen zu entwickeln. Aber es ist vor allem das Spiel mit den offenen, nicht auserzählten Passagen der Märchen, das sie reizt. Etwa im weniger bekannten Text „Der Eisenofen“: Eine Prinzessin verirrt sich im Wald, schließlich kommt sie zu einem eisernen Ofen, aus dem eine Stimme tönt und ihr anbietet, sie aus dem Wald zu bringen. Als Gegenleistung müsse sie ihn heiraten. Weil ihr nichts anderes übrig bleibt, willigt sie ein. Aber wie will der im Ofen gefangene Prinz, um dessen Befreiung es in diesem Märchen geht, die Prinzessin führen? Er gibt ihr „jemand zum Gefährten, der ging nebenher und sprach nicht“, heißt es im Märchen.

          Aber wer ist dieser „Jemand“? Völk spielt mit dieser Frage und zaubert einen entzückenden pfauenhaften Vogel herbei, der beherzt vorangeht, während die Prinzessin sich an seinen Federn festhält. Wir hatten ihn schon vorher auf dem Ofen des Prinzen gesehen, in den wir hier aber hineinschauen können – da sitzt der Verzauberte im Morgenmantel, die Krone auf dem Kopf, vor sich das Frühstück – und oben auf dem Ofen blubbert ein Espressokännchen vor sich hin, entzückend sinnlos, wenn es nicht für etwaigen Besuch gedacht ist, denn der Prinz kommt ja nicht heran.

          So kommt Detail hier zu Detail. Völk verleiht auch düsteren Märchen mitunter eine freundliche Note, ohne dass es gefällig würde. Der Zugang, den sie zum Kosmos der Brüder Grimm findet, ist von Entdeckerfreude und dem Mut geprägt, diese in eigenständige Bilder umzusetzen, die dem Diktum von der viel beschworenen Grausamkeit dieser Texte zumindest eine andere Sicht gegenüberstellen.

          Brüder Grimm, Julie Völk: „Zur Zeit, wo das Wünschen noch geholfen hat“. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2021. 400 S., geb., 32,- €. Ab 4 J.

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