https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/kinderbuch/gavriel-savits-roman-anna-und-der-schwalbenmann-14196824.html

Holocaust-Roman für Jugendliche : Wovor die Sprache hilflos fliehen muss

Gavriel Savit: „Anna und der Schwalbenmann“. Aus dem Englischen von Sophie Zeitz-Ventura. Verlag CBT, München 2016. 272 S., geb., 16,99 €. Ab 14 J. Bild: Verlag CBT

Wer ist hier überhaupt ein Mensch? Gavriel Savit geht mit „Anna und der Schwalbenmann“ das große Wagnis eines Holocaust-Romans für Jugendliche ein.

          3 Min.

          Dieses Buch wendet sich an junge Erwachsene und handelt von Ereignissen, die auch ein älteres Publikum überfordern können - historischen wie der Verfolgung und Ermordung der Juden durch die Nationalsozialisten, dem Vernichtungsfeldzug der Wehrmacht und dem Schicksal Polens im Zweiten Weltkrieg, aber auch persönlichen wie dem Verlust des Vaters und einer Vergewaltigung.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Solche Dinge verharmlost ein literarischer Text in gewisser Weise notwendigerweise selbst dann, wenn die Schilderung des Grauenhaften nicht in den Bitterkitsch ostentativen Mitleidens tunkt. Denn der im Wortsinn unbeschreibliche Schrecken derartiger Ereignisse liegt nicht zuletzt darin, dass die Opfer ihnen nicht entkommen konnten, während man einen Text jederzeit weglegen kann.

          Ein Platz im Weltgefüge bleibt ihnen versagt

          Gavriel Savit weiß das und reagiert darauf in seinem Roman „Anna und der Schwalbenmann“ sozusagen mit Kunstgriffen ins Leere, die sich ihrer Hilflosigkeit nicht schämen: „Dennoch will ich dem Leser die Details ersparen, was Reb Hirschl widerfahren war“ - dieser Satz, der das düstere letzte Drittel des Buches vorbereitet, enthält, so spürt man, die Auslassung, von der er aber doch spricht, genau wie zwei andere Sätze, fünfzig Seiten später, beide protokollarisch trocken, von denen einer ein Erlebnis, der andere dessen Wirkung benennt: „Sie tat die Dinge, die er verlangte“ und „Sie wünschte, die Sache im Hinterzimmer der Apotheke wäre nie passiert.“

          Die sehr junge Frau, von der hier die Rede ist, kann man an diesem Punkt kaum noch „Kind“ nennen; erwachsen aber ist sie auch nicht, wenn zum Erwachsensein gehört, dass man sich einen Platz im Weltgefüge erarbeitet hat. Im Umkreis der großen Menschheitsverbrechen gab und gibt es Millionen von Traumatisierten, denen der Erwachsenenstatus in diesem Sinn auch dann, wenn sie überleben, bis zum Tod versagt bleibt.

          Fantasien gehören zum Menschenleben

          Kinder sind Leute, die manchmal Fragen stellen wie die, an die der Rezensent, seit er sie 1981 in einem deutschen Klassenzimmer aus einem Kindermund gehört hat, immer wieder denken muss: „Warum haben die Nazis die Juden nicht in Ruhe gelassen?“ Es gibt keine befriedigende Antwort, deshalb ist die Frage so gut, so schlimm.

          Unter ihrer Überwindlichkeit duckt sich „Anna und der Schwalbenmann“ freilich erst einmal weg, wenn er Anna, deren Vater 1939 in Krakau als jüdischer Hochschullehrer von den Nazis verschleppt und getötet wird, einem Retter begegnen lässt, der offenbar die Sprache der Vögel kennt und in mehrerlei Hinsicht Geheimnisträger ist (der Einfall, diesen Mann etwas wissen zu lassen, das die Mörder gern auch wüssten, gehört zu den klügsten des Autors, weil sich daran zeigen lässt, wie wenig technisch verwertbare Kenntnisse manchmal beim Überleben nützen). Ob der Fremde, der Anna beibringt, dass sie ihren Namen ablegen muss, weil die Vernichtungsmaschine sie, genau wie ihn, nicht finden darf, überhaupt ein Mensch ist, fragt sich die Gerettete noch, als der Text sich längst entschieden hat: Da der Schwalbenmann Fehler macht, kann er kein Engel sein. Dass er aber Geschichten erzählt und mit den Riesenschritten mithalten kann, die Annas vom Vater in mehreren Sprachen unterrichtete Vorstellungskraft auf der Flucht vor dem Tod riskiert, passt als maßgeschneiderter Trost fast ein bisschen zu gut zur Not dieses besonderen Kindes. Dass Fantasien zum Menschenleben gehören, auch und gerade zum bedrohten, bekräftigt der Schwalbenmann durch sein bloßes Vorhandensein, und man wird sagen dürfen, dass Savit es sich damit an wichtiger Stelle etwas zu leicht gemacht hat, weil er sich das Recht, sein Thema dichterisch zu verfremden, damit einfach nimmt, statt es sich zum Problem zu machen - so wie Ramona Ausubel es in ihrem ebenfalls aus kindlicher Perspektive erzählten, aber sprachlich entschieden mutigeren Schoa-Roman „No one is here except all of us“ aus dem Jahr 2012 getan hat.

          Ganz gleich, wie alt man ist

          Manchmal wird das Fantasieren in „Anna und der Schwalbenmann“ zum Spekulieren, ja zum Fantasy-affinen Kalenderspruch: „Kein Labyrinth ist so heimtückisch wie das ohne Wege oder Gänge.“ „Doch es ist die besondere Gabe der Kinder, ganz im Moment zu sein, ohne sich mit der Voraussicht zu belasten.“ Auch die Übersetzung wirkt nicht immer ganz sattelfest (eine Sprache ist auf jemanden „zugeschneidert“, man liest von der „Ausführung“ statt „Durchführung“ einer Aktion, wo doch das, was man ausführt, „Befehl“ heißt, und Ähnliches mehr). Dies aber sind Ausrutscher, die man vielleicht nur deshalb nicht übersieht, weil die Sorgfalt, mit der hier sonst gearbeitet wurde, eine strenge Aufmerksamkeit weckt, die sie dann bemerkt.

          Dass Menschen fähig sind, anderen Dinge anzutun, über die man eigentlich nicht reden kann, ganz gleich, wie alt man ist, und dass man dennoch immer wieder versuchen muss, über diese Taten zu reden, weil sie nicht verschwiegen werden dürfen, wenn wir sie in Zukunft verhindern wollen: Das ist die wichtige Mitteilung, die dieses Buch nie aus den Augen verliert. Das junge Publikum wird mit ihr, darf man hoffen, nicht leicht fertig werden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wankt die islamische Republik? Eine Frau im traditionellen Tschador vor einem Wandbild in Teheran

          Proteste in Iran : Nach dem Straßenkampf die Streiks

          Die Ankündigung, die Sittenpolizei aufzulösen, ist wirkungslos verpufft. Es mehren sich die Zeichen, dass die Proteste einen Keil zwischen Mullahs und Revolutionswächter treiben könnten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.