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„Garmans Straße“ von Stian Hole : Das warst du!

Bild: Hanser

Lob der Eigenwilligkeit: Stian Hole erzählt in seinem Bilderbuch „Garmans Straße“ von einer ungewöhnlichen Freundschaft und spielt gekonnt mit dem Feuer.

          2 Min.

          Gruselig: In den verwilderten Garten vor dem Haus Nr. 13 zu gehen, wo das trockene Gras bis über die Hüfte reicht, wenn man ein sechs, sieben Jahre alter Junge ist, das ist für Garman fast so, als müsste man allein in den Keller. Aber nur hier hat er den Roten Fingerhut und die Gemeine Hundszunge gesehen, die ihm in seinem Herbarium fehlen. Gemein: Kaum hat er sich hineingetraut, steht Roy hinter ihm, flüstert „Du traust dich nicht!“ und drückt ihm eine Schachtel Streichhölzer in die Hand. Roy aus der vierten Klasse, der in der Straße das Sagen hat und ein Fahrrad mit 26 Gängen. Roy, der King. Es gibt kein Entkommen.

          Der geheimnisvolle, der verwunschene Garten - es ist eines der großen Motive der klassischen Kinderliteratur, das Stian Hole in seinem Bilderbuch „Garmans Straße“ variiert. Doch bei dem norwegischen Buchgestalter, der im vergangenen Jahr für „Garmans Sommer“ mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet worden ist, macht sich das Kind nicht allein damit schuldig, dass es den Garten betritt. Es begeht Brandstiftung. Nach Anstiftung.

          Als das Gras Feuer fängt, macht sich Roy mit den Worten „Das warst du“ aus dem Staub. Garman bleibt. Und kämpft. Als der alte Briefmarkenmann aus dem Haus gerannt kommt, ruft er dem Jungen zu, der bislang mit seinem T-Shirt versucht hat, die Flammen auszuschlagen, er solle Hilfe holen. Und als die Feuerwehr den Brand schließlich gelöscht hat, lässt der Alte die Streichhölzer in der Hosentasche verschwinden, ohne dass jemand es sieht, und flüstert: „Du bist wenigstens nicht abgehauen.“

          Mindestens sieben Jahre

          Kaum zu glauben: Die beiden werden Freunde. Später sehen wir sie auf den Stufen vor dem Haus sitzen und in Garmans Herbarium blättern, wir hören ihnen zu, wie sie über Blumen und Briefe reden, über interessante Zahlen, über das Alter.

          Stian Hole zählt zu den wenigen Bilderbuchkünstlern, bei denen sich erzählerisches und gestalterisches Können auf höchstem Niveau die Waage halten. Seine mal beeindruckend dynamischen, dann wieder erstaunlich zarten Illustrationen komponiert er mit den Möglichkeiten digitaler Bildbearbeitung, er verbindet Fotografie mit Grafik, verschiebt Proportionen, versteckt Kuriositäten, lenkt den Blick auf Kleinigkeiten und weitet ihn in die kindliche Phantasie hinein.

          Dass Stian Hole seine Geschichte trotz des riesigen Formats seiner Themen - Feigheit und Freundschaft, Großspurigkeit und Größe - so unpathetisch zu erzählen vermag, liegt wohl an diesem erstaunlichen Gespür für die Verträumtheit kindlicher Wahrnehmung, in der Beobachtungsdetails und Assoziationen die Zeit stillstehen lassen können: „Mindestens sieben Jahre“ dauert es, bis die Streichholzflammen Garmans Fingerkuppen erreicht haben.

          Es gibt einen Platz für ihn

          Als der Briefmarkenmann von einem Staudamm in China erzählt, der so groß werden wird, dass sich dadurch der Schwerpunkt der Erde verschieben und sie sich nicht mehr gleichmäßig drehen könnte, lenkt den Jungen ein glänzender Tropfen an der Nase des Alten ab. Und ein paar Seiten später denkt Garman an all die Leute, denen er noch begegnen wird, als der Briefmarkenmann erzählt hat, jeder Mensch würde in seinem Leben Forschern zufolge zweihunderttausend andere treffen: „Ich glaube, ich bin jetzt fast allen begegnet“, fügt er hinzu, „schön, dass ich dich auch noch getroffen habe!“

          Es ist wirklich schön, diesem Jungen zu begegnen, ihm beim Größerwerden zuzusehen, und sei es in einem Buch. In „Garmans Sommer“ kommt er sich klein vor, kurz vor seinem ersten Schultag. Er spricht mit den Großtanten über den Tod, mit seinen Eltern über die Angst und wackelt probehalber an seinen Zähnen, von denen noch keiner herausgefallen ist. „Garmans Straße“ nun ist ein Lob der Eigenwilligkeit. Hier muss der Junge sich behaupten, in einer Welt der Gleichaltrigen, in der gut Fußball spielen und freihändig Rad fahren zu können wohl mehr zählt als ein Herbarium, als die Freude an seltsamen Zahlen oder der Versuch, pfeifen zu lernen.

          Er schafft es, sich zu behaupten, auch wenn er den Streichhölzern und Roys Unterstellung, ein Feigling zu sein, zunächst nicht widerstehen kann. Er schafft es auch, weil er weiß, dass es nicht nur die Welt der Kinder ist, in der es einen Platz für ihn gibt. Und das vor allem nimmt man als erwachsener Vorleser aus diesem Buch mit.

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