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„Garmans Geheimnis“ von Stian Hole : Wie ein Komet im Kinderkosmos

Bild: Hanser

In zwei Bilderbüchern ist uns Stian Holes eigenwilliger Held ans Herz gewachsen. In „Garmans Geheimnis“ überfällt die Liebe auch den semmelblonden Jungen.

          Da ist etwas in Garmans Leben gekracht. Direkt aus dem Himmel muss es gekommen sein, und der Junge steht und staunt und ist dabei so zart, so behutsam und doch so jungenhaft, wie wir diese wundervolle Bilderbuchfigur aus den beiden bisher veröffentlichten Bänden kennen: aus „Garmans Sommer“, 2010 mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, und aus „Garmans Straße“. Man weiß nicht, wofür Stian Hole das größere Lob gebührt. Für die Ruhe und Tiefe der Geschichten, die er erzählt, für die Knappheit und Klarheit seines Tons als Erzähler; für seine eigenwilligen Illustrationen, Bildbearbeitungen, in denen er Details von Fotografien verfremdet, montiert und dekoriert; oder gleich insgesamt für seinen semmelblonden Helden mit dem leichten Zögern im Blick, mit diesem Staunen über das Große und das Kleine in der Welt.

          Mitten im Wald steht Garman vor ein paar verbogenen und rußverschmierten Metallteilen. „Ich glaube, es war einmal eine Raumkapsel“, sagt Johanne neben ihm, die ihn zu diesem Platz geführt hat, und Garman spürt, „wie es auf der Haut kribbelt, von der Fingerkuppe am kleinen Finger bis zur Schürfwunde am Knie“. Was für ein Abenteuer. „Das angenehme Kribbeln“, erzählt Stian Hole in aller Ruhe, „breitet sich im Körper aus, sobald sein Blick dem von Johanne begegnet.“

          Fast verschwinden ihre Sommersprossen

          Wir kennen Johanne seit dem ersten Band, seit jenem Sommer vor der Einschulung, als Garman - anders als das Mädchen und seine Zwillingsschwester - noch nicht lesen, auf dem Zaun balancieren, Rad fahren, mit dem Kopf unter Wasser tauchen konnte und noch nicht einmal einen Wackelzahn hatte. Im zweiten Buch bekommen die Zwillinge rote Wangen, als der großmäulige Roy aus der Vierten freihändig an ihnen vorbeiradelt (später wird er sich als ziemlicher Feigling zeigen). Wir konnten Johanne bislang nicht von ihrer Schwester Hanne unterscheiden. Jetzt aber kichert nur noch Hanne mit Roy herum, während Johanne mit Garman im Wald verschwindet. „Komm, ich zeige dir ein Geheimnis“, sagt sie, und drei Doppelseiten weiter schlägt Garman auf der Lichtung mit der Raumkapsel glücklich vor, den Ort zu ihrem gemeinsamen Geheimplatz zu machen.

          Hier spielen sie Astronauten, hier sitzen sie auf einem Ast und reden über Gott und die Welt: „Hier Genosse Juri Gagarin, der erste Mensch im Weltall. Ich kann hier keinen Gott sehen.“ - „Hallo! Kontrollzentrum hier. Das liegt bestimmt daran, dass du nicht weißt, wonach du suchen musst!“ Hier rücken sie in der Raumkapsel zusammen, wenn es regnet, und sitzen manchmal lange, ohne ein Wort zu sagen.

          Dann bringt Johanne Garman im Waldsee bei, wie man mit dem Kopf unter Wasser schwimmt: „Das ist fast so, als würde man durchs Weltall schweben.“ Und dann sitzen sie nebeneinander auf einem Felsen und lassen die Beine baumeln. Gestehen sich gegenseitig die Angst ein, erwachsen zu werden, schreiben einander Wörter auf den nackten Rücken, und Johanne, deren Sommersprossen fast verschwinden, wenn sich die Wangen rötlich färben, zeigt Garman einen Trick, die Zeit anzuhalten.

          Jetzt hätte sie etwas zu erzählen

          Ja, genau diesen Trick, denn „Garmans Geheimnis“ ist ein ausgesprochen zärtliches Buch über die Liebe, über die Vor-Liebe vielleicht, in dem die Entdeckung des anderen, das Staunen immer wieder über ihn ebenso seinen Platz hat wie die Selbstverständlichkeit des Redens und Schweigens, in dem die beiden sieben, acht Jahre alte Kinder bleiben dürfen und sich trotzdem schließlich küssen.

          Hanne hat es gesehen. Sie hatte es vorhergesehen, zumindest vorweggenommen, als sie auf der ersten Seite direkt vor Garmans Gesicht in die Hände klatschte und sagte: „Wenn du jetzt blinzelst, musst du Johanne küssen.“ Sie ist der Zwillingsschwester in den Wald gefolgt und konnte nur durch Erpressung davon abgehalten werden, überall herumzuerzählen, mit wem sie Johanne gesehen hat. Nach dem Kuss schwenkt Stian Hole noch einmal für eine textlose Doppelseite in den Wald, und zwischen allerlei Getier sieht man Hanne neugierig und amüsiert hinter einem Baum hervorlugen. Jetzt hätte sie erst mal etwas zu erzählen!

          Stärker als jeder Spott

          Warum hat dieser drohende Verrat so gar nichts Bedrohliches? Weil Johanne und Garman nichts zu befürchten haben. Stian Hole hat ihre Freundschaft so liebevoll gezeichnet, er hat die beiden so sachte aneinander heranrücken lassen, er hat in seinen Bildern und in der Phantasie der beiden Kinder einen Zauber wirken lassen, der stärker ist als jeder Spott.

          In einer Zeit, in der die Warenwelt das Leben von Jungen und Mädchen wieder weiter auseinanderrückt, Spielzeuge streng für das eine oder das andere Geschlecht angeboten und dadurch letztlich beide eingeengt werden, erzählt dieses intime Buch von einer Freundschaft, in der nicht umsonst das Außerirdische seinen Platz hat. Schließlich ist die Liebe ja eine Himmelsmacht.

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