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Gabriele Clima: „Der Sonne nach“. Aus dem Italienischen von Barbara Neeb und Katharina Schmidt. Hanser Verlag, München 2019. 160 S., br., 14,– €. Ab 12 J. Bild: Hanser

Gabriele Climas „Der Sonne nach“ : Behindert oder nicht: egal

Ungeschönt und wie im Traum: In „Der Sonne nach“ lässt Gabriele Clima zwei Jugendliche miteinander durchbrennen. Der eine sitzt im Rollstuhl, verdreht die Augen, und gelegentlich rinnt ihm ein Spuckefaden übers Kinn.

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          Wenn man seine Lehrerin fragt, ist Dario eine Niete, wenn der Schuldirektor ihn „ein schlaues Kerlchen nennt“, klingt das keine Spur besser. Der sechzehn Jahre alte Junge neigt schon selbst dazu, das zu glauben, auch wenn sein Vater ihn immer „Darius der Große“ genannt hat. Aber was nützt das schon, wenn der sich aus dem Staub gemacht hat vor vielen Jahren, und überhaupt: Was kümmert es den einsamen Dario?

          Dass er dringend einmal rausmuss, glaubt man dem Jugendlichen sofort, dass er mit seinem Vater noch etwas offen hat, ist klar: Es gibt also einen guten Grund für eine viertägige Spritztour an die Küste in Gabriele Climas Jugendbuch „Der Sonne nach“, es gibt ein Ziel - und es gibt einen überraschenden Reisegefährten. Andy sitzt im Rollstuhl, verdreht die Augen, und gelegentlich rinnt ihm ein Spuckefaden übers Kinn. Das letzte Mal beim Direktor hatte sich Dario eingehandelt, sich als „ehrenamtliche Pflegebegleitung“ zu bewähren: Er soll sich um Andy kümmern, dabei kümmert sich doch Elisa schon um Andy - allerdings ohne den Jungen richtig anzusehen oder auch nur vernünftig mit ihm zu sprechen, ohne zu merken, wenn er an die Sonne will oder ihm einfach nur heiß ist in den viel zu dicken Klamotten.

          Als Dario Andy einfach mitnimmt in den Park, ist dem Leser noch nicht klar, ob er nur Elisa eins auswischen will. Als Dario sieht, dass Polizisten auf die beiden zukommen, und den Weg zum Bahnhof wählt, ist die Flucht Richtung Vater noch kein ausgemachter Entschluss. Als die beiden schließlich Tage später in Torre Saracena ankommen, findet Dario statt der ersehnten Antworten nur neue Fragen.

          Aber „Der Sonne nach“ ist auch nicht Darios Geschichte, jedenfalls nicht allein, darin liegt die Stärke dieses Buchs: Es geht genauso um Andy - und eine unwahrscheinliche Freundschaft. Einige Episoden - der Umbau des Rollstuhls zu einem „Rakmobil“ mit Motor, eine Strand- und eine Schaukelszene, die Party, auf die sich beide mit einem bühnenreifen Auftritt mogeln - nehmen das Empfinden, den Humor, die Abenteuer- und die Lebenslust des Jungen im Rollstuhl auf eine Weise in den Blick, als wären sie eigens für Jugendliche in seiner Situation erzählt - vielleicht sogar für einen Teenager gleichen Namens, an den in Danksagung und Nachwort erinnert wird und dem das Buch gewidmet ist.

          Nicht nur Dario wächst im Lauf der Geschichte über sich hinaus und schafft es schließlich, sich seinem Vater gegenüber zu behaupten, als es um Leben und Tod geht. Wie Andy die Hilflosigkeit seines mobileren Freundes wettmacht, was ihn freut und beschäftigt, was er ihm allein durch Blicke mitteilen kann, bevor er schließlich doch zu sprechen vermag und einmal sogar singt, beeindruckt nicht nur die Eltern des Rollstuhlfahrers, als die ihn wiedersehen. Auch nicht nur Dario, wenn er den Freund mal in den Blick nehmen kann, sondern alle Leser.

          Gabriele Clima: „Der Sonne nach“. Aus dem Italienischen von Barbara Neeb und Katharina Schmidt. Hanser Verlag, München 2019. 160 S., br., 14,– €. Ab 12 J.

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