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Gabi Kreslehners Jugendbuch „Und der Himmel rot“ : Achtung, heftiges Sprüngeln!

Bild: Beltz & Gelberg

Vor drei Jahren gelang Gabi Kreslehner ein furioses Debüt. Ihr zweites Jugendbuch „Und der Himmel rot“ dagegen ist eine Enttäuschung.

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          „Vielleicht hatte er zu wenig getrauert. Zu oft gelacht. Zu sehr geliebt.“ Das hat Oliver nun davon: Sie haben seine Schwester gefunden. Zumindest das, was nach über tausend Tagen von ihr übriggeblieben ist: die Knochen. Jetzt wissen alle, dass sie tot ist. Jetzt muss sich auch Oliver dieser Gewissheit stellen, mit der er die ganze Zeit gerungen hat. Auch wenn er dabei gewesen war, als der Fluss sie mit sich gerissen hatte, auch wenn er sich schuldig fühlt und glaubt, sie „ein bisschen umgebracht“ zu haben damals in seiner Wut.

          Dabei macht Oliver, der selbst nur noch seinen Nachnamen, Darm, gelten lässt, es sich und seinen Mitmenschen nicht gerade einfach. Gabi Kreslehner hat ihm in „Und der Himmel rot“, ihrem zweiten Jugendbuch nach dem gefeierten „Charlottes Traum“, einiges aufgebürdet: Seine Mutter zerbricht am Verschwinden ihrer Tochter, sie stirbt an Olivers 16. Geburtstag. Der Onkel holt ihn zu sich in die Stadt, und hier trifft Oliver auf einen Lehrer, der ihn schikaniert, auf eine Lehrerin, die er provoziert, auf eine Klassenkameradin, die ihn mit einer Entschlossenheit liebt, der er nicht widerstehen kann, und auf einen Freund, der sich darauf versteht, „das Richtige zu sagen und das Richtige zu schweigen“.

          Gabi Kreslehner kriegt sie gut zu fassen, diese äußere Schroffheit und innere Not, mit der sich Darm in die Provokation flüchtet, in die Unerreichbarkeit. Und sie schildert mit schöner Zartheit, wie es Jana gelingt, ihn doch immer wieder zu berühren, mit ihren Augen, ihrer Liebe oder ihrem Zorn. Die Dialoge der beiden, ihre Worte und Gesten, ihre pubertären Tänze aus Anziehung und Abstoßung, Anlehnungsbedürfnis und Isolationsgefühl gehören zum Besten dieses Buchs.

          Überladen

          Seine erste Schwäche ist die schicksalhafte Verknotung der Figuren: Jana ist nicht nur Klassenkameradin, sondern auch noch die Tochter dieses zynischen Lehrers. Der war einst nicht nur Liebhaber der Mutter Darms, sondern entpuppt sich auch noch als ahnungsloser Vater der toten Irina. Außerdem ist er Saufkumpan des guten Onkels, der wiederum gerade etwas mit der Lehrerin angefangen hat, die es vergeblich gut meint mit dem Jungen. Gabi Kreslehner lädt ihre Geschichte auf, als würde sie der Bedrängnis ihres Helden selbst nicht trauen, als würde sie nicht daran glauben, dass Darms Nöte auch ohne derlei eskalieren, sich entladen und sich schließlich mildern könnten. Und kann diese Verstrickung doch nur zu einem Showdown nutzen, der für Darm und die Leser keine weiteren Überraschungen bietet.

          Seine zweite Schwäche ist die Sprache, die in Kreslehners Debüt noch die große Stärke war. Der eigentümliche Rhythmus ihrer Sätze, die ungewohnten Wörter: Was in „Charlottes Traum“ eine eigenwillige, junge Ich-Erzählerin souverän durch die Geschichte getragen hatte, wirkt fadenscheinig, wenn die Autorin mit kaum wechselndem Duktus all ihren Figuren ins Herz schaut: „Er seufzte“, heißt es einmal, „und dann wurde die Sonne länger und fester, und er spürte, wie er zu sprüngeln begann. In seinem Inneren. Tief. Zu sprüngeln.“ Ein traumatisierter Siebzehnjähriger, in dem es sprüngelt? Wir seufzen.

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