https://www.faz.net/-gr3-9p9zc

Frida Nilsson: „Sasja und das Reich jenseits des Meeres.“ Mit Bildern von Torben Kuhlmann. Aus dem Schwedischen von Friederike Buchinger. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2019. 496 S., geb., 20,– Euro. Ab 10 J. Bild: Gerstenberg Verlag

Kinderbuch von Frida Nilsson : Im Jenseits gibt es keine Leberwurstbrote

Großes Kino: Frida Nilsson erfindet in „Sasja und das Reich jenseits des Meeres“ das Wesen des Todes und ein phantastisches Plädoyer für das Spielen.

          Der Tod ist ein hochgewachsener, gutaussehender Mann im sogenannten besten Alter, mit kalten blauen Augen. Er riecht nach Herrenparfüm und Schweiß und hält nicht viel davon, seinen prachtvollen purpurroten Morgenrock auch mal zu waschen. Wer ihn besucht, erlebt ein einziges Fest, es gibt unentwegt Torte und Krocketspiele in einem Garten, in dem Himbeeren und Äpfel locken. Der Gastgeber ist freundlich, wenn auch sehr von sich eingenommen. Dann, mit einem Mal, hat er den „Sonnenschein meines Herzens“ kennengelernt. Und darüber sogar seinen Job vergessen, den er doch so gerne macht.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wenn der Tod auf Freiersfüßen wandelt, gerät das Leben durcheinander. Es ist eine der schönsten der vielen wundervoll absurden und komischen Szenen, die Frida Nilsson sich für ihren jüngsten Roman ausgedacht hat, wenn der Tod turtelt und balzt, buhlt und seine Schöne umgarnt. Und deren Sohn gleich mit. Wie in einer satirischen Familien-Sitcom versucht der neue Lover der Mutter, sich bei deren Sohn anzubiedern. Bei diesem aber, dem Jungen Sasja, beißt der Tod auf Granit. Denn seine schöne Auserwählte hat im Diesseits nicht nur schon einen Mann. Sie hat auch ein Kind, das an ihrem Sterbebett einen Schwur getan hat: Es werde den Tod überlisten. Als Sasja das verspricht, hat er noch keine Ahnung, wie es im Reich des Todes sein wird. Wie hier, nur anders, sagt die sterbende Mutter. Das spürt Sasja instinktiv und gibt der Mutter, als abzusehen ist, dass sie stirbt, einen neuen Namen. „Mama“ kann er nicht mehr sagen, im Wissen, dass sie ihm fehlen wird. „Semilla“ ist Sasjas Name für die Geliebte des Todes.

          Phantastisch, wunderschön und aufregend ist das Reich jenseits des Meeres. Denn bei Nilsson hat der Tod trotz der leisen Lächerlichkeit seiner Grandezza zwar sehr wohl einen Stachel. Er liebt es nun mal, zu töten. Im Großen und Ganzen aber ist das Reich des Todes ein Ort, auf den man sich freuen kann – jedenfalls, wenn man nicht zur Unzeit seine Reise antreten muss. Bringt doch der Tod aus dem Inneren der Verstorbenen das hervor, was man im Grunde schon immer gewesen ist. Es ist wie eine zweite Geburt, und im Reich des Todes kann niemand sterben, selbst wenn die drei Völker des Todes gegeneinander in den Krieg ziehen aus Eifersucht um die Gunst ihres Herrschers. Da werden Köpfe abgehackt und ungeschickt wieder angenäht, Schwerter durchbohren Herzen, Arme und Beine. Und hinterher ist – fast – alles wieder gut. Das ist lustig und gruselig zugleich: Der Wahnsinn des Krieges tritt umso deutlicher hervor, wird er ausgefochten, ohne dass jemand zu Tode kommt.

          Große Kunst

          Denn Nilsson, die stets mit großer Lust am Surrealen und Absurden erzählt, entwirft nach „Siri und die Eismeerpiraten“, auf Deutsch 2017 erschienen, wieder eine ganze Welt mit eigenen Regeln und Strukturen. Ein Universum, das Realismus und Phantastik auf eigentümliche Weise miteinander kreuzt. So ist „Sasja und das Reich jenseits des Meeres“ einerseits eine satte, farbige Abenteuergeschichte, eine Jenseitsfahrt auch in der Tradition von Astrid Lindgrens „Brüder Löwenherz“, auf der Sasja mit dem Hildin Trine, der Prinzessin von Sparta und Höder, dem Harpyr, gleichaltrige Freunde findet, mit deren Hilfe er durch das Reich des Todes bis zu dessen Kuchenbüfett wandert. Gefährlich ist die Reise im Grunde nur, weil die erwachsenen Bewohner des Reiches das Eindringen eines lebenden Menschen fürchten und Sasja überwältigen wollen.

          Nach Romanen mit einem sprechenden Gorilla oder einem obdachlosen Hund schafft es Nilsson, in Verfeinerung ihrer Tierpoetik gleich drei ganze Völker zu entwerfen: die Spartaner, die aussehen wie Sasjas Lieblingshund Ninni, die Harpyren, die an den Seeadler auf Sasjas und Papas Insel erinnern, und die Hildin, halbmenschliche Wesen ähnlich den Schweinen des netten Nachbarn Kaj. Es ist große Kunst, derart elegant und beiläufig aus einer realen Welt eine Phantasie zu entwickeln, die darauf baut, dass die Leser eine Geschichte wieder und wieder durchleben wollen und so immer neue Facetten entdecken – wie es Kinder tun.

          Nicht der einzige Tod

          Überhaupt sind es die zarten Details, die kaum sichtbaren Fäden, der Reichtum der Assoziationen und Anspielungen, die Nilssons Text so dicht, poetisch und gleichzeitig reich an Fragen, an Gedankenfutter machen. Seit Nilsson, Jahrgang 1979, vor fünfzehn Jahren zu erzählen begann, spielen Ökonomie und Ökologie, die Frage nach Gerechtigkeit in ihrem Werk eine große Rolle. Wo „Siri und die Eismeerpiraten“ die ausbeuterische Lebensweise des Menschen in Frage stellte, entwirft nun auch „Sasja“ ein Plädoyer für ein Leben im Einklang mit der Natur, auch der menschlichen. Ihre dichten Naturschilderungen hat Friederike Buchinger ebenso souverän ins Deutsche gebracht wie die nautische Fachsprache von „Siri“, und Torben Kuhlmann hat wieder mit zarten Vignetten und einer Landkarte des Todesreichs die Bildwelt dazu erfunden, ohne innere Bilder der Leser zu verhindern.

          Dass im Reich dieses Todes, wo niemand stirbt, nur veganer Kuchen und Gemüse gegessen wird, hat seinen Grund nicht nur in diesem Plädoyer, sondern auch in der inneren Logik der Erzählung. Wo niemand sterben kann, gibt es auch keine Leberwurstbrote. Eine Erkenntnis, die den kunstvoll zwischen Wunder und Wahrhaftigkeit schwebenden Schluss ermöglicht. Er ist wie ein kindliches Spiel. Und das ist das Hauptanliegen von Nilssons Jenseitspanorama, die, wenn man so will, Botschaft. Nichts nimmt so viel Raum ein wie das zeit- und pflichtlose Spiel Sasjas und der Jenseitskinder, die darin jene Tugenden pflegen, jene Freiheit ausleben, die ihnen helfen, selbst dem Tod die Stirn zu bieten.

          Denn der Tod weiß viel, auch, dass er nicht der einzige Tod ist. Eines aber weiß er vor allem: Er nimmt viele mit, die erst im Sterben merken, was sie versäumt haben, vor allem an Spiel und Zeit. Statt wie kleine Erwachsene zu funktionieren, ist das Klügste, was die Kinder im Dies- und im Jenseits tun können: spielen. Und alles andere vergessen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Dr. Ruth Gomez arbeitet  im universitären Kinderwunschzentrum in Mainz als Pränataldiagnostikerin.

          Spezielles Verfahren : Einzige Chance auf ein gesundes Kind

          In der Mainzer Universitätsklinik sind zum ersten Mal Babys nach einer Präimplantationsdiagnostik auf die Welt gekommen. In das ethisch umstrittene Verfahren setzen verzweifelte Paare ihre ganze Hoffnung.
          Bald nicht mehr vonnöten: Eine gelbe Krankschreibung.

          Digitale Krankschreibung : Der „gelbe Schein“ wird verschwinden

          Es geht um Millionen Zettel: Das Kabinett hat heute die Abschaffung der Krankschreibung auf Papier beschlossen. Außerdem steigen die Hartz-4-Sätze, Paketzustellern soll geholfen und überflüssige Bürokratie abgeschafft werden. Wir zeigen, was die Beschlüsse bringen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.