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„Fräulein Esthers letzte Vorstellung“ von Adam Jaromir : Es gibt hier keine Vögel, und der Donner bleibt aus

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Bild: Gimpel Verlag

Dort, wo das Grauen herrscht, gewährt die Literatur eine Atempause: In „Fräulein Esthers letzte Vorstellung“ erzählt Adam Jaromir, wie Janusz Korczaks Waisenkinder im Warschauer Getto Theater spielten.

          Was bewegt einen Schriftsteller und Pädagogen, Kinderarzt und Leiter eines Waisenhauses im Warschauer Getto, seine Zöglinge ein Stück aufführen zu lassen, dessen Held, der todkranke indische Junge Amal, am Ende stirbt? Ist das ein Versuch, die Todgeweihten sanft vorzubereiten? Will er umgekehrt mit dem unerschütterlichen Glauben Amals, dass sein Schicksal sich zum Guten wende, Hoffnung schenken? Oder soll den Kindern mit den exotischen Gesängen und Tänzen, die sie freudig einstudieren, eine Atempause in einer Phantasiewelt gegönnt werden?

          Für Letzteres sorgte Janusz Korczak, eine der Zentralfiguren der authentischen Erzählung, bis zuletzt: Als die zweihundert Waisen am 5. August 1942 nach Treblinka deportiert wurden, begleitete er sie gegen den anfänglichen Widerstand der SS. Um ihnen so lange wie möglich Todesangst zu ersparen, berichteten Augenzeugen später, erzählten er und seine Assistentin Stefania Wilczynska (im Buch Frau Stefa), man fahre aufs Land, um Beeren und Pilze zu sammeln.

          Jeder Satz ein stiller Schlag

          Janusz Korczak wurde mit den Kindern vergast. Das genaue Todesdatum ist unbekannt, und auch dieser stille Held ist bei uns nicht mehr vielen ein Begriff, obwohl ihm 1972 postum der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen und 1980 eine Schule in Hamburg nach ihm benannt wurde, auf die wenig später Neonazis einen Anschlag verübten. Ein weiterer Unbekannter, Literaturspezialisten ausgenommen, dürfte heute Rabindranath Tagore (oder Thakur) sein, der Dichter des Dramas, das die Kinder im Getto unter Anleitung ihrer Lehrerin Fräulein Esther aufführen. Maler, Komponist, Philosoph und Dichter, der 1913 den Literaturnobelpreis erhielt, wird er in Indien noch heute als Genie verehrt, das asiatische Traditionen und die Moderne im Geist eines weltweiten Humanismus einte. Entsetzt über die Greuel des Weltkriegs, starb Tagore kurz vor Janusz Korczak. Sein letzter Satz weist ihn als dessen Alter Ego aus: „Es ist eine Sünde, den Glauben an den Menschen zu verlieren.“

          Wer als Vater oder Mutter vorbereitend „Fräulein Esthers letzte Vorstellung“ liest, sollte diese Hintergründe kennen. Denn die Texte Adam Jaromirs bauen auf ihnen auf. Und auf Knappheit: Spröde Lakonik ist der erschütternde Grundton, in dem, gestützt auf hinterlassene Notizen Korczaks, Jaromir den Arzt und die fiktive zwölfjährige Genia von den letzten Wochen des Waisenhauses erzählen lässt. Beide benutzen die Gegenwartsform, ein Duktus, der sofort einen Sog ausübt. Jeder Satz wird zum stillen Schlag, der beklemmende Gedankenketten in Bewegung setzt: Als Fräulein Esther einmal Blumen bringt, die eine Bekannte des Doktors ins Getto geschickt hat, notiert Genia: „Schön zu wissen, dass die Menschen drüben uns nicht vergessen haben.“ Drüben - in diesem einzigen Wort ist die Endgültigkeit der tödlichen Ummauerung enthalten, wird die zur Gewissheit gewordene Hoffnungslosigkeit des Kindes klar.

          Sie schildern das Grauen behutsam andeutend

          „,Vögel? Die gibt es hier nicht’, sagt Zvi. ,Die kommen nur dorthin, wo es was zu holen gibt.’“ Die verzweifelt spöttische Bemerkung eines Jungen und der Blick in die ausgezehrten Kindergesichter, die Gabriela Cichowska zwischen Collagen aus Dreck, Ruß und Rost, trüben Fenstern und grauen Fassaden, zeitgenössischen Zeitungsschnipseln und Amtsblättern der SS gezeichnet hat, sagen mehr aus als ausführliche Schilderungen des Hungers, der erstickenden Enge und der katastrophalen Zustände in der Gettohölle.

          Cichowska und Jaromir ersparen ihren kindlichen Lesern nichts, aber sie schildern das Grauen behutsam andeutend. So notiert Genia, wie sie ein Mädchen, das darüber weint, dass seine Tante plötzlich nicht mehr zu Besuch kommt, mit einem „Schau, ich bekomme auch keinen Besuch“ tröstet. Sie fährt fort: „Und ich lege sie - einen nach dem anderen - in die Schachtel: Mama, Papa, Aaron ... Meine papierene Familie.“ Jedes Kind versteht, dass Fotos alles sind, was dem Mädchen von Eltern und Bruder blieb.

          Ein Gegenpol

          Der Doktor stellt in diesem Buch die Frage nach Gott, die wir Eltern längst zu vermeiden gelernt haben, die aber unsere Kinder unweigerlich stellen, wenn sie vom organisierten Massenmord der Nationalsozialisten erfahren: „Wo bleiben denn seine Engelsscharen? Der Donner, der die Unrechten straft?“ „Drüben, auf der anderen Straßenseite - ich brauchte nicht einmal hochzuschauen - steht ein Wachmann“, heißt es in einem anderen nächtlichen Notat. „Meine Glatze - ein leichtes Ziel. Doch er steht und schaut. Braucht er den Befehl? Oder vielleicht ist es ganz anders ... Vielleicht war er vor dem Krieg ein Dorflehrer, ein Notar, ein Straßenkehrer?“ Das hat nichts vom wohlfeilen „alles verstehen“. Stattdessen macht es leise und bewegend die über den Einzelnen hinweggehende Todesmaschinerie der Diktatur deutlich.

          Folgerichtig verweigert Gabriela Cichowskas düstere Bebilderung dieser Szene dem Wachtposten ein Gesicht. Vielleicht ist das ein Gegenmittel gegen die attraktiven Heldenvisagen, mit denen phantastisch uniformierte Kriegerathleten in Computerspielen unsere Kinder anstrahlen, während sie im Namen des Guten Massaker anrichten. So wie überhaupt dieses Buch mit seiner Forderung nach Konzentration und seinen wunderbaren ergreifenden Bildern ein Gegenpol sein könnte, ein Deich gegen die abstumpfende Flut der im Sekundentakt wechselnden computeranimierten Gewaltwelten.

          Den letzten Seiten, auf denen der Arzt und Genia schildern, wie die Theatervorstellung die Kinder für eine kleine Weile verzaubert hat und ihren Ängsten Aufschub gewährt, enden in einer beklemmend sachlichen Auflistung - Verhaftung von Fräulein Esther während einer Straßenrazzia im Juli 1942, Deportation der Kinder, des Doktors und Frau Stefas fünf Tage später. Ihr aller Schicksal wird in den Köpfen der kindlichen Leser verankert bleiben. „Wie man ein Kind lieben soll“ hieß 1917 Janusz Korczaks größter Bucherfolg. 

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