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Floortje Zwigtmans Jugendroman „Ich, Adrian Mayfield“ : Die Halbwelt betrügen

  • -Aktualisiert am

Bild: Gerstenberg

In ihrem eindrucksvollen Jugendroman „Ich, Adrian Mayfield“ verknüpft Floortje Zwigtman Charles Dickens mit Oscar Wilde - als fiktive Memoiren eines viktorianischen Callboys.

          Durch ein London wie aus einem Roman von Charles Dickens hangelt sich der sechzehnjährige Adrian Mayfield. Der Junge stammt aus dem armen Osten der Stadt und ist mit einem Säufer zum Vater schon früh auf seine eigenen Beine gestellt. Zu Beginn des Romans, der im Viktorianischen Zeitalter spielt, knechtet Adrian als Lehrjunge eines Herrenausstatters mit Mundgeruch. Ein scheinbar besonders anspruchsvoller Kunde mit einem Faible für Lindgrün fasst Adrian bei einer schier endlosen Anprobe beherzt in den Schritt - als Entschuldigung steckt er dem Jungen ein besonders großzügiges Trinkgeld zu und seine Visitenkarte. Schwer vorstellbar, dass diese kurze Begegnung mit dem geschwätzigen Koloss Trops eine schicksalhafte werden soll. Als der Ladenbesitzer Adrian feuert, schlüpft dieser bei dem ehemaligen Kunden mit den flinken Fingern unter: Zuerst sitzt Adrian dem Kunstmaler Modell, dann lockt ihn Letzterer in sein Bett - nicht zu Adrians Missfallen.

          Nicht nur in die Homosexualität führt er Adrian ein, sondern auch in Malerei und Literatur. Vor allem aber bringt er den Jungen in die Kreise von Künstlern und Intellektuellen um Oscar Wilde, in das mondäne „Café Royal“. Neben dem Sumpf der Gosse strahlt diese Welt, in der sich die Reichen und Schönen bewegen, noch heller. Adrian erweist sich als charmanter Straßenkater mit Haltung und Geschmack, Trops stattet ihn mit dem modischen und methodischen Rüstzeug aus: „Die Kunst liegt darin, den Eindruck zu erwecken. Stil, Adrian, darum geht es. Und wenn selbst deine Sockenhalter geliehen sind: Solange du eine gute Figur dazu machst und dich benimmst, als wärst du ein guter Trinkkumpan des Prince of Wales, findest du überall Einlass. Wie ging das alte Sprichwort noch mal? Mundus vult decipi, ergo decipiatur. - Die Welt will betrogen werden, also betrüge sie.“

          Historische Fakten eingewebt

          Die Schattenseiten des Ästhetizismus enthält Zwigtman ihren Lesern und Adrian nicht vor: zuerst das Schöne und die Lust, dann die Moral. So könnte das Credo seines neuen Freundeskreises lauten, der im Sommer standesgemäß Urlaub macht und London verlässt. Allein und ohne Geld heuert Adrian in der Little College Street 13 an - als eine Art männliche Prostituierte.

          Die junge niederländische Autorin Floortje Zwigtman verschiebt mit Eigensinn und Temperament das gängige Panorama von Motiven und Sujets des Jugendromans. Mit Sinn fürs Detail und nicht ohne Humor beschreibt sie auch zum Beispiel die Sexszenen, in denen sich Adrian verdingt.

          Doch homosexuelle Prostitution wurde zu der Zeit, in welcher dieses Buch spielt, hart verfolgt. Auch Oscar Wilde wurde bekanntlich auf Initiative von Lord Queensbury wegen „Unzucht“ zu zwei Jahren Gefängnis mit schwerer körperlicher Arbeit verurteilt. An den Folgen der Strafe starb der Schriftsteller verarmt und einsam in Paris. Zwigtman webt diese historischen Fakten in ihren Roman ein: Queensbury bietet Adrian erfolglos Geld, um bei einer Intrige mitzuspinnen.

          Authentisch und poetisch, bodenständig und dekadent zugleich

          Mit dem Wissen um das Leben von Oscar Wilde gewinnt der Bildungsroman einen zusätzlichen Reiz; gleichwohl funktioniert und fesselt er auch ohne diese Kenntnis, denn Zwigtman paart unerwartete Wendungen mit Plausibilität. Ein eigenwilliger Jugendroman - und durchaus angreifbar. Schon Zwigtmans „Wolfsrudel“ erregte Kontroversen wegen seiner Gewalt. Über diesen Vorwurf zumindest bleibt ihr jüngstes Werk erhaben, strittig hingegen: Fällt der Entwicklungsroman im Körperlichen zu explizit aus? Gehören Prostitution im Allgemeinen und homosexuelle im Besonderen in ein Jugendbuch?

          In der Vorrede von „Das Bildnis des Dorian Gray“ schreibt Oscar Wilde: „So etwas wie moralische oder unmoralische Bücher gibt es nicht. Bücher sind gut oder schlecht geschrieben. Weiter nichts.“ Zwigtmans historischer Bildungsroman gehört zweifellos zur ersten Gattung. Die Odyssee des Jungen, deren zweiter Teil jetzt ebenfalls auf Deutsch erschienen ist, liest sich authentisch und poetisch, bodenständig und dekadent zugleich. Und wenn einen 16 Jahre alten Jungen im Viktorianischen Zeitalter weder seine homoerotische Erweckung schockiert noch sein vorübergehendes Dasein als Stricher oder die Abkehr davon, wird es im Zeitalter von Internet und Fotohandys jugendlichen Lesern nicht anders ergehen.

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