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Finn-Ole Heinrich, Rán Flygenring: „Die Reise zum Mittelpunkt des Waldes“. Reuberroman. Mairisch Verlag, Hamburg 2018. 184 S., geb., 20,– Euro. Ab 10 J. Bild: Mairisch

Finn-Ole Heinrichs Kinderbuch : Die Welt ist kein Fußfönverein

Toxisch sind hier in jedem Fall die Pilze: In seinem neuen Kinderbuch „Die Reise zum Mittelpunkt des Waldes“ lässt Finn-Ole Heinrich einen Mann zu sich selbst finden.

          Also, ich wäre jetzt der Vater, und du wärst die Mutter, und das da wäre das Baby: So spielen Kinder. Vor allem Mädchen tun das gern. Und was ist mit den Jungs? Oder: Wie hätten wir sie denn gern? Das ist derzeit eine der gesellschaftlichen Großfragen. Mitten hinein in die Debatte plumpsen da zwei Figuren.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vermutlich haben sie sich von Tannenwipfel zu Tannenwipfel geschwungen und sind dann einfach mal so geflogen – „im Randbereich des Springens“, wie er sagen würde. Überhaupt hat er es mit den nerdigen Floskeln, sogar dann, wenn sein Leben am seidenen Faden hängt. Und das tut es oft in dieser Geschichte. Er, das ist ein etwas übergewichtiges und in jeder Hinsicht Konflikten abgeneigtes Ich, „Bürger und Steuerzahler. Humanist und Vegetarier“. Nun wird er aber bald Vater. Und weiß, vaterlos aufgewachsen, gar nicht recht, was das denn sein soll, als Mensch, als Rolle, als Gegenstück zur starken, schönen Mutter des gemeinsamen Kindes. Weil die Welt kein „Fußfönverein“ ist, sondern gefährlich, will er lernen, mit dem Leben umzugehen.

          Also zieht dieses Ich in den Wald. Und sucht ihn, den Reuber. Der Reuber denkt nicht, er frisst, wenn er kann, schläft wenig und traut niemandem. Er hat schon Leute umgebracht. Der Ich-Erzähler kennt ihn nur aus Geschichten, plötzlich steht er da: Riesig, haarig, wild, stinkend, grunzend ist der Reuber definitiv einer, der nur nach seinen eigenen Regeln lebt. So liest man sie auch, riesig und grün, als Graffito geschrieben in „Die Reise zum Mittelpunkt des Waldes“. Regel Nummer vier etwa: „Im Wald hat einer immer recht und du bist es nicht.“ Und natürlich Regel Nummer zehn: „Ein Reuber gefühlt nicht in der Welt herum.“ Das Ich hingegen ist ganz groß im „Gefühlen“ und Nachdenken, im Tun eher weniger. Das lernt er nun.

          Ist es okay, selbst zum Verbrecher zu werden?

          Finn-Ole Heinrich ist ein Experte darin, Worte zu finden für das, was an Abgründen und Potentialen in den Menschen schlummert. In seinem Debüt „Frerk, du Zwerg“ schlüpfen seltsame Zwerge in Frerks Leben und machen aus einem unterdrückten Kind ein irgendwie freies. Mit der erfolgreichen Trilogie „Maulina Schmitt“ hat Heinrich ein Mädchen in den Schock einer zerbröselnden Welt voll Trennung, Leid und Tod geschickt, humorvoll und surreal. Dort ist es der innere „Maul“, der Maulina bis zur Weißglut wütend werden lässt. Ein fast Dämon gewordener Zustand ihrer Seele.

          Nun also sind Wut, Mut und Angst eine Figur geworden: Der Reuber. Schon dieser eine, andere Buchstabe deutet das an. Heinrich stellt mit „Die Reise zum Mittelpunkt des Waldes“ eine grundlegende Frage, unisex, gewissermaßen. Es geht um nichts geringeres als um den Mittelpunkt des Lebens. Was schlummert in uns, an Möglichkeiten und Ungeheuerem? Schon vor drei Jahren hat sich Heinrich, Jahrgang 1982 und ursprünglich Filmemacher und Poetry Slammer, mit dieser Frage befasst. Damals entstand das gleichnamige Kinderstück, gefördert im Programm „Nah dran“ vom Kinder- und Jugendtheaterzentrum, uraufgeführt an den Bühnen in Esslingen und Freiburg.

          Im Stück war es ein Forscher, der in den Wald eindrang, um den Reuber kennenzulernen. Nun ist es ein werdender Vater, der nicht aus Wissensdurst vom Reuber lernen will, sondern buchstäblich als Überlebenstraining. Denn es geht um Leben und Tod dieser Figur, die so nicht weitermachen kann: unbeteiligt, gedisst, gefangen in sich. Damit ist aus „Die Reise zum Mittelpunkt des Waldes“ vollends eine Art Bildungsroman geworden. Aber einer, der das, was da gelehrt und gelernt werden soll, durchaus und sofort wieder in Frage stellt. Das ist bisweilen dramatisch und oft sogar gleichzeitig ungeheuer komisch. Darf ein werdender Vater einfach so in den Wald abhauen und seine schwangere Frau verlassen? Ist der Reuber Erfindung, ungezähmter Halbmensch oder im Leben des Ichs auch noch etwas ganz anderes? Ist es okay, selbst zum Verbrecher zu werden, um vom Reuber zu lernen?

          Eine kongeniale Bild-Autorin

          Das ist wohl die kniffligste Stelle des Buchs, jene Szene, in der das nunmehr ausgebildete Ich zwei Wanderinnen überfällt, ganz so, wie der Reuber es sonst tut. Eine Szene, die bestens zum Modebegriff der „toxischen Männlichkeit“ zu passen scheint. In den sozialen Medien wird der Reuberrroman als eindimensional, toxisch, erzreaktionär bezeichnet. Nicht alle, die dazu etwas sagen, haben allerdings das Buch auch gelesen.

          Im Wald hingegen sind quasseln, denken und „herumgefühlen“ Todesfallen. Es ist ungeheuerlich! Es ist Literatur. Heinrichs grandioses Sprachtalent zieht diese Passage wie alle anderen, in denen Anarchie und Zivilisation aufeinandertreffen, zu vieldeutigen Labyrinthen auf – jenseits von Echoräumen, hart, ironisch, in komisch gebrochenem Pathos. Nicht nur hat er dem Reuber eine ganz eigene Reubersprache erfunden, die in einer Mischung aus Radebrechen und Slang selbst viele Assoziationen freisetzt. Allein für die Beschreibung der außersprachlichen Laute des Reubers – er graucht und knörrt, rönft und gröllt – hat Heinrich ein Wortfeld geschaffen. Deutlicher als mit dem salzbetränten Abschied, sekundenkurz, und dem harten Schlag gegen den Solarplexus, mit dem der Reuber sich seinen Schmerz übertönt, als der Erzähler geht, wird Heinrich nicht – er vertraut den Lesern.

          Das aufwendig gestaltete Buch macht die isländische Grafikerin Rán Flygenring, wie schon für „Frerk“ und „Maulina Schmitt“ zur kongenialen Bild-Autorin der Geschichte. Ihre Überlebenstricks und Tipps, die sie dazwischen gezeichnet hat, sind gewitzt und nützlich noch obendrein, auch wenn sie nicht alle funktionieren. Toxisch sind in jedem Fall die Pilze, die sie zeichnet und die der Erzähler zu essen versucht. „Lecksu eima dran und krrkss“, erklärt der Reuber.

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