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An der Spitze der Nahrungskette: Ist der Uhu hungrig, müssen sich selbst junge Füchse und Rehkitze vorsehen. Bild: Helvetiq Verlag

Kinderbuch „Ornithorama“ : Nur drei Punkte für den Buchfinken

  • -Aktualisiert am

Kleine Palette, große Wirkung: In ihrem Kinderbuch „Ornithorama“ porträtiert Lisa Voisard europäische Vögel. Die Bilder sind hinreißend, aber an den Informationen hätte man noch etwas feilen können.

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          Wer einen Vogel bestimmen möchte, der auf einem weit entfernten Ast hockt oder dessen Farben sich im Licht der tiefstehenden Sonne auflösen, achtet auf die Gesamterscheinung. Größe und Schnabel, Haltung und Körperform, Bewegungsmuster und Habitus – das reicht dem erfahrenen Beobachter. Und er hat sogar eine Art Fachbegriff für diese Dinge: Jizz. Die Herkunft des Wortes ist umstritten, sein Einsatz unter Ornithologen allgegenwärtig. Hat man sich das Jizz der häufigsten Spezies einmal eingeprägt, sind Verwechslungen fast ausgeschlossen. Deswegen müssen Illustratoren von Bestimmungsbüchern darauf achten, dass jeder Strich sitzt. Ist der Schnabel einer Stockente zu schmal und schwungvoll gezeichnet, wird sie zur Spießente, gerät die Aaskrähe zu kräftig, verwandelt sie sich in einen Kolkraben.

          Kai Spanke
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Grafikerin und Musikerin Lisa Voisard, 1992 im schweizerischen Lausanne geboren, hat die europäische Avifauna gut im Griff. In ihrem Buch „Ornithorama“ demonstriert sie, wie man einen Vogel mit sparsamen Gestaltungsmitteln auf den ästhetischen Punkt bringt. Für die Darstellung der Reiherente benötigt sie gerade mal vier Farben (Schwarz, Weiß, Grau, Orange), die sie flächig und ohne die Anmutung von körperlicher Tiefe einsetzt. Dennoch wird jedes Kind, das sich die Illustrationen einprägt, eine Reiherente in freier Wildbahn sofort identifizieren können. Auch Eisvogel und Buntspecht, Rauchschwalbe und Türkentaube sind rundum gelungen. Während Voisard 2019 die Ausstellung „Vogelbilder“ vorbereitete, entwickelte sie eine „richtige Leidenschaft für diese gefiederten Tierchen“. Also fasste sie den Plan, einen „Leitfaden von A bis Z“ zu erstellen, der alle Menschen, die sich für die Natur interessieren, begleiten soll.

          Lisa Voisard: „Ornithorama“. Entdecke und beobachte die wunderbare Welt der Vögel.
          Lisa Voisard: „Ornithorama“. Entdecke und beobachte die wunderbare Welt der Vögel. : Bild: Helvetiq Verlag

          Diesem Anspruch kann ihr Buch nicht gerecht werden. Möwen etwa sind eine echte Herausforderung. Besonders knifflig wird es bei jenen Arten, deren Aussehen sich immer wieder verändert, bevor sie im vierten Kalenderjahr ihr Erwachsenengefieder bekommen. Die von Voisard vorgestellte Mittelmeermöwe ist so ein Kandidat. Mindestens fünf Porträts wären nötig, um den Vogel in allen Erscheinungsformen zu präsentieren, gezeigt werden jedoch nur zwei. Der Hinweis, die Mittelmeermöwe sei leicht mit der Sturmmöwe zu verwechseln, stimmt nicht und mutet schon deshalb seltsam an, weil die Künstlerin den Jizz durchweg so ausgezeichnet trifft. Tatsächlich ähnelt die Mittelmeermöwe nur der Silber- und der Steppenmöwe. Im Jugendkleid erinnert sie allenfalls an die Heringsmöwe.

          Die Informationen sind spärlich, aber für Kinder gut zu verstehen. Wir lernen, welche Ordnungen es in der Vogelwelt gibt, was Zug- von Standvögeln unterscheidet und wie man Vögeln mit Futter oder Nistkästen helfen kann. Innerhalb eines Fünf-Punkte-Systems ist die Beobachtungswahrscheinlichkeit einzelner Arten aufgeführt. Der Uhu, wunderbar illustriert mit grimmigem Gesichtsausdruck und markanten Federohren, erhält nachvollziehbarerweise null Punkte. Der Buchfink, immerhin der häufigste Brutvogel der Schweiz und der zweithäufigste in Deutschland, muss sich mit drei Zählern begnügen. Dabei sieht man den putzigen Gesellen in jedem Park. Außerdem fragt man sich, wie der Seidenreiher zu seinen beachtlichen zwei Punkten kommt. Die Schweizerische Vogelwarte Sempach informiert: „Obschon der Seidenreiher in den letzten Jahrzehnten häufiger geworden ist, bleibt eine Beobachtung ein Glücksfall.“

          Lisa Voisards Buch ist zwar kein Glücksfall, wohl aber ein nettes Helferlein für all jene, die sich mit heimischen Vögeln vertraut machen wollen. Wer schon über Grundlagenwissen verfügt, kann sich an den Illustrationen erfreuen, sollte jedoch besser zu einem richtigen Bestimmungsbuch greifen.

          Lisa Voisard: „Ornithorama“. Entdecke und beobachte die wunderbare Welt der Vögel. Aus dem Französischen von Bianka Kraus. Helvetiq Verlag, Basel/Lausanne 2020. 201 S., geb., 24,90 . Ab 8 J.

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