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Erzählungen von Marlene Röder : Das Andere in den Augen

Bild: Ravensburger

Zu Herzen: In den achtzehn Geschichten von „Melvin, mein Hund und die russischen Gurken“ erzählt Marlene Röder fabelhaft von Angst, Peinlichkeit und Gewalt. Und von der Liebe.

          Es kommt selten vor, dass Jugendbuchschriftsteller Erzählungen schreiben, was schade ist. Jetzt hat es Marlene Röder getan, nach zwei preisgekrönten Romanen, „Im Fluss“ von 2007 und „Zebraland“ von 2009. Am Ende lassen sich die achtzehn Geschichten ihres neuesten Buchs „Melvin, mein Hund und die russischen Gurken“ zwar auch zu einer großen zusammenfügen - eine Figur von hier taucht dort wieder auf, Fäden werden weitergesponnen. Aber alle diese Geschichten sind für sich autonom.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Josefine traut ihrer Liebe nicht. Und Lukas ist vielleicht schwul. Oder ist Fabian schwul und Lukas nur ein richtig guter Freund? Überhaupt, richtig gute Freunde. Die eine, Frauke, war es eben noch, im Kinderzimmer, die andere, Janina, könnte es werden, wenn das mit den Clubs anfängt und der Schminke. Die Wachstumsschmerzen, als das passiert. Die Schmerzen, weil ein Bruder stirbt, ein Vater abhaut, eine Mutter deswegen auseinanderfällt. Jill und Noah tun es im Gras und die Peinlichkeit danach. Und Valerias Angst danach, sie könnte jetzt schwanger sein. Und die Peinlichkeit überhaupt.

          Nicht immer traut sie sich diese Coolness

          Marlene Röder, Jahrgang 1983, erzählt auf engstem Raum, wenige Seiten, dann sind ihre Geschichten schon wieder vorbei, bis sie woanders weitergehen. Oft gelingt es ihr, diese Hochkonzentration explodieren zu lassen in dem einen richtigen Satz, der mindestens zehn andere unnötig macht. „Mama liegt auf ihrem Liegestuhl“, heißt es in „Glückspunkte“, es geht um Mutter und Tochter im Hotel, vom Vater verlassen, das Leben muss jetzt irgendwie weitergehen. „Diesmal hat sie ihr Bikini-Oberteil angelassen.“

          Oder es explodiert richtig, wie in der heftigsten Geschichte, „Scherben“. Ein Pflegesohn in einer neuen Familie, er steht im Badezimmer, Striemen auf dem Rücken, die Tochter kommt rein, „und ich stehe da mit einem Rest Zahnpasta im Mundwinkel und hab mich noch nie so scheißnackt gefühlt. Ich wirbel herum, aber ihr Blick geht an mir vorbei, es ist immer noch alles sichtbar im Spiegel, und wie kann das sein, dass sie morgens schon so aussieht, mit dem langen, rotbraunen Haar, das ihr über die Schulter fällt.“ Sie schaut auf die Striemen und versteht ihn plötzlich, da flippt er aus, „am liebsten würde ich sie schlagen. Stattdessen schreie ich sie an und schmeiße meine Zahnbürste nach ihr, dass der Schreck das andere in ihren Augen auslöscht.“

          Das Andere in ihren Augen - nicht immer traut sich Marlene Röder diese erzählerische Coolness; da ist dann auch etwas Demokratisches in ihren achtzehn Geschichten, der Wunsch, allen Facetten des Großwerdens irgendwie gerecht zu werden, Jungen und Mädchen gleichermaßen. Das dicke, gehänselte Mädchen. Russendeutsche, Kaufhausdiebstähle, kleine Brüder. Aber dass man sich dann eher am guten Willen dieser Geschichten stößt als an ihrem Ton, zeigt, dass Marlene Röder eine ausgezeichnete Erzählerin ist.

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