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Eoin Colfer: „Der Hund, der sein Bellen verlor“. Roman. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Mit Bildern von P. J. Lynch. Verlag Orell Füssli, Zürich 2019. 142 S., geb., 12,95 Euro. Ab 6 J. Bild: Orell Füssli

Kinderbuch von Eoin Colfer : Bellen ist keine Selbstverständlichkeit

Ein Bett im Geigenkasten: In seinem Kinderroman „Der Hund, der sein Bellen verlor“ erzählt Eoin Colfer gleich zwei Geschichten von Trauerbewältigung und Emanzipation, die in einen gemeinsamen Trost münden.

          3 Min.

          „Mein Hund“ klingt nicht sonderlich ungewöhnlich. „Mein Junge“ schon eher. Jedenfalls, wenn es ein Hund sagt. Oder denkt. Wissen kann man natürlich nicht, was und wie ein Hund so denkt. Auch Eoin Colfer kann das nicht – und dann doch.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Der irische Bestsellerautor ist ungefähr zur selben Zeit, in der die ebenfalls 1965 geborene J. K. Rowling mit „Harry Potter“ berühmt geworden ist, seinerseits mit Serien wie „Artemis Fowl“ und „Fletcher Moon“ berühmt geworden, wenn auch nicht ganz so wie Rowling. Gemeinhin steht er immer mit einem Bein im Reich der Fantasy, in der Science-Fiction oder einer Mischung aus beidem. Diesmal aber lässt Colfer alle übersinnlichen und technischen Hilfsmittel weg und verlässt sich ganz auf Einfühlung, in Menschen und in Hunde.

          Colfer verleiht einem kleinen Mischlingswelpen eine Stimme, ohne dass das, trotz großer Gefühle, in einen schrecklichen Kitsch münden würde. Schon der Beginn von „Der Hund, der sein Bellen verlor“ ist ganz aus der Perspektive eines Welpen erzählt, und auch später verflechten sich eine Art erlebte Rede des Hundes und Erzählung des menschlichen Blicks auf eine schlichte, aber doch sehr gekonnte Weise ineinander. So werden in diesem Buch gleich zwei Geschichten von Trauerbewältigung und Emanzipation erzählt, die in einen gemeinsamen Trost münden.

          Hund ohne Bellen trifft Kind ohne Vater

          Das erste „Mein Junge“, das Hund, der einfach nur Hund ist, weil er noch keinen Namen hat, empfindet, ist ganz und gar falsch. So viel zum Thema untrüglicher Instinkt der Tiere. Denn dieser Hund hofft so sehr, dass es besser wird für ihn, dass er deshalb seine eigenen inneren Warnungen unterdrückt. Das, was nun folgt, ist das grausige Bild zu all den Spots und Nachrichten, die auch dieses Jahr, wie immer, davor warnen, leichtfertig ein Tier als Weihnachtsgeschenk für ein Kind zu kaufen. Die schon nach Unbill riechenden Menschen haben den Welpen für ihren Sohn als Geschenk vorgesehen, und die Torturen, denen der Hund schon unter dem Tannenbaum ausgesetzt ist und die Colfer ganz aus der Perspektive der misshandelten, noch dazu hundekindlichen Kreatur beschreibt, sind auch im Lesen schwer zu ertragen.

          Dennoch hat Colfer, der etliche Jahre auch an einer Grundschule unterrichtet hat, den Schrecken so dosiert, dass er auch für junge Leser verständlich ist und rasch in eine Hoffnung mündet. Denn der Hund ohne Bellen bekommt ein Kind ohne Vater. Und den schönen Namen „Oz“.

          Balance und Stimme wiederfinden

          Fast scheint es, als erinnere sich Colfer an die Tier-Kind-Hollywood-Produktionen, die in seiner Jugend wohl genau wie auf dem europäischen Festland im Fernsehen liefen. Aber der Junge Patrick, um die zehn Jahre alt, mit Smartphone und Hoodie, ist eben doch ein zeitgenössisches Kind, geborgen, selbstbewusst, auch zu seinen Schwächen stehend. Nur mit seiner Verzweiflung kommt er nicht klar.

          Colfer verschränkt die Geschichte einer auseinanderbrechenden Familie, in der der Vater sich zu einer neuen Frau nach Australien – Oz – abgesetzt hat und den Mut nicht findet, mit seinem Kind darüber zu sprechen, mit der Geschichte des traumatisierten Hundes, um den sich Patrick kümmert: Beide, Kind und Hund, müssen ihre Balance und ihre Stimme wiederfinden.

          Eine seiner Lieblingsmelodien

          Eine besondere Rolle spielen dabei die Graphit-Illustrationen von P. J. Lynch. So, wie man glauben könnte, uns werde da nur eine simple Story im Stil von „Lassie“ erzählt, könnten auch Lynchs beinahe fotorealistische Zeichnungen auf den ersten Blick in die Irre führen. Doch Lynchs in den Text gesetzte Illustrationen nehmen den traurigen Momenten die Spitze, setzen das rührende Bemühen des Kindes um den verängstigten Hund ins Bild und übernehmen, beinahe an der Grenze zur Graphic Novel, Aufgaben der Erzählung. Denn etliche Pointen sind im Text ausgelassen und verbergen sich im Bild, humoristische ebenso wie versteckte Tränen.

          So ist Lynch fast schon der Ko-Autor dieser ungewöhnlichen Geschichte, die auch deshalb einen großen Charme entfaltet, weil in ihr der Musik eine große Rolle zukommt. Großvater und Mutter von Patrick sind Musiklehrer, auch er selbst spielt Geige, das ganze Haus singt und klingt. Was Oz ein ungewöhnliches Bett im Geigenkasten verschafft und so staunenswerte Sätze hervorbringt wie: „Oz heulte das James-Bond-Thema, eine seiner Lieblingsmelodien.“ Nicht nur da ist der letzte Zweifel beseitigt, dass schlimme Dinge nichts sind angesichts solcher Freunde am Start.

          Eoin Colfer: „Der Hund, der sein Bellen verlor“. Roman. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Mit Bildern von P. J. Lynch. Verlag Orell Füssli, Zürich 2019. 142 S., geb., 12,95 Euro. Ab 6 J.

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