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Enzensbergers „Bibs“ : Asyl im Wäschekorb

Bild: Hanser

So geht es eben, wenn einem die Welt gestohlen bleiben kann: Bibs, der Titelheld aus dem neuen Bilderbuch von Hans Magnus Enzensberger und Rotraut Susanne Berner, muss sich sein Leben selbst zusammenwünschen.

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          Damals, vor fünfzig Jahren, war es ein Schließkorb auf dem Dachboden: Eine Handvoll vergeblich zu Weihnachten gewünschter Katzen sprang den Kindern in Hans Magnus Enzensbergers erstem Bilderbuch aus dem Erbstück entgegen, zuletzt der Titelheld, ein Li-La-Löwe namens Zupp, der die Geschwister verschluckte und mit ihnen durchs Städtchen zog, um schließlich ohne sie auf dem Speicher zu verschwinden.

          In „Bibs“, dem jüngsten Kinderbuch des Autors, der in anderthalb Wochen achtzig Jahre alt wird, ist ein Wäschekorb die große Wunschmaschine der Geschichte, und niemand kommt heraus. Stattdessen ist der junge Titelheld hineingekrabbelt. Es gibt kein besseres Versteck, denn, halb gefüllt mit Wäsche, ist es darin warm und weich, in der Wäschekammer ist es dunkel, und ganz draußen regnet es. Bibs hat schlechte Laune, wegen des Wetters, weil sein Fahrrad verschwunden ist, die Eltern ihm daran die Schuld geben und der große Bruder nervt.

          Alles muss man selber wünschen

          Das alles, befindet Bibs in seinem Wäschekorb, könne ihm gestohlen bleiben: „Hau ab, ruft er, ganze Welt!“ Und so geschieht es auch. Bibs sieht natürlich gleich, dass es nicht gut ist, er fällt sehr schnell durchs Dunkel und kriegt prompt Atemnot. So wünscht er sich Licht, Luft, wünscht, langsamer zu fallen, eine Erde in passender Größe und in Farbe, darauf ein Haus mit eigenem Zimmer. Schnell merkt der zunehmend erschöpfte Junge, wie anstrengend es ist, sich um alles kümmern zu müssen, um ein Bett zum Beispiel: Die Decke, das Kopfkissen und ein Betttuch wollen extra gewünscht sein. Für die Kissenhülle schwärmt irrtümlich als Erstes eine Schar Füllerfedern zum Fenster hinein, und als sich Bibs ein Rad wünscht, kommt zunächst ein riesengroßes Wagenrad angerollt.

          Der Spuk hat ein Ende, als Bibs einschläft und wieder im Wäschekorb erwacht. In seine Erleichterung, zurück in der vertrauten Welt zu sein, mischt sich Freude, als das Fahrrad wiederauftaucht und sich die Eltern entschuldigen. Und Vergnügen, als seine Mutter am nächsten Morgen einen Fallschirm im Wäschekorb findet. Mit dem war Bibs' freier Fall abgefangen worden, und er war in seiner Wunschwelt gelandet.

          Sprache statt Flaschengeist

          Ein Trotzkopf zieht sich beleidigt zurück und schließt schließlich wieder seinen Frieden mit der Welt: Auf der Handlungsebene ist „Bibs“ ein Gedankenspiel, ebenso einfach wie aufregend, das Rotraut Susanne Berner mit ebenso einfachen wie aufregenden Bildern aufs schönste begleitet. Ein Sprachspiel ist es dazu: Noch bevor er sich Farbe in die graue Welt wünscht, fragt sich der Junge, wie es eigentlich kommt, dass seine Wünsche sich erfüllen: „Bibs denkt scharf nach. Er ist ja nicht blöd. Und auf einmal weiß er ES.“

          Es ist komisch; es gibt nicht viel auf dieser neuen Erde; es ist nicht zu fassen; er muss überlegen, wie es weitergehen soll: Jedes „Es“ ist fortan in Versalien gedruckt, seine Wünsche haben jetzt einen Adressaten, und seine Genervtheit, wenn es mal schiefgeht, auch. Aber es ist kein Flaschengeist, kein Ring, kein Buttje, der Bibs zu Diensten ist. Es gibt keine Verkörperung bei Enzensberger, es bleibt reine Abstraktion: Sprache. Sie bietet Zuflucht, Spannung und Schutz, sie will gepflegt und gestaltet sein und materialisiert sich schließlich doch als das, was sie für uns Bibse mitunter auch ist: als Rettungsschirm.

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