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Bilderbuch „Ellington“ : Deinen Daunen möcht ich immer nahe sein

Marlies Bardeli, Ingrid Godon: „Ellington“. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2018. 40 S., geb., 16,– €. Ab 4 J. Bild: Peter Hammer Verlag

Zwei Zweibeiner finden einander und müssen wieder getrennte Wege gehen: Das Bilderbuch „Ellington“ von Marlies Bardeli und Ingrid Godon handelt von Liebe.

          3 Min.

          Das wirkliche, das tiefe Thema (man merkt’s erst am Schluss) ist eins der riskantesten auf dem gefahrenreichen Gelände menschlicher Gefühlsschwankungen. Dafür ist der Erzählstoff, den sich das Bilderbuch „Ellington“ der Autorin Marlies Bardeli und der Illustratorin Ingrid Godon vornimmt, um dieses Thema daran ebenso einleuchtend wie mitfühlend durchzuspielen, umso gefälliger: die Liebe zwischen einer Dame und ihrer Ente nämlich. Die Klavierlehrerin Frau Treuherz, gleich unmissverständlich als „bescheidene, freundliche“ Person ausgewiesen, fristet ihr Dasein in versonnener Melancholie, sitzt gern im Stadtpark auf einer Bank und entdeckt eines Tages auf dem Heimweg im offenen Lieferwagen beim Geflügelhändler in einem Vogelkäfig einen distinguierten Schnabelträger, den sie sofort „Ellington“ tauft, „nach Duke Ellington, dem berühmten Jazzmusiker aus Amerika“.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Vom Talent zum Tröten ganz abgesehen ist das ein „prächtiger Enterich, groß und kräftig und schneeweiß“, dem die Klavierlehrerin wie nebenbei das Leben rettet; es wird nicht viel Aufhebens davon gemacht, das Buch interessiert sich kaum für die genauen Umstände des Kennenlernens und mehr für die emotionale Beziehung zwischen beiden, die sofort auf genau die Art etabliert wird, wie Zweibeiner einander eben signalisieren, dass ein Gegenüber sie anzieht: „Ellington wandte ihr den Kopf zu und lächelte, so gut ein Enterich eben lächeln kann.“

          Die Verbindung, die so zarte Zeichen stiften, ist geistig-seelisch, kaum körperlich, hat aber, da Geist und Seele bei musischen Menschen wie Frau Treuherz und intelligenten Tieren wie Ellington in hohem Maße versinnlicht sind, auch ihre fass-, mess- und spürbare Seite: „Abends wollte Ellington in Frau Treuherz’ Bett schlafen.“ Der Apostroph hinter dem Namen der Liebenden ist ein Wimpernflattern, das Auge liest ihn, betrachtet das Bild und fühlt sich als Vogel, wie Ellington, und der „flog auf die Bettdecke, breitet die Flügelspitzen über sein Gesicht und schloss zufrieden die müden Augen, Bevor er einschlief, legte er den Kopf auf Frau Treuherz’ Arm. Vorsichtig berührte sie einen Flügel. Wie weich das war! Sie spürte das klopfende Entenherz und war getröstet und zufrieden. In dieser Nacht träumte sie gut. Und Ellington tat das auch.“

          Erwartbar garstig

          Stabil ist so etwas natürlich nicht, das macht es ja erst schön, aber Menschenfreuden wollen immer gern so lang wie möglich bleiben, weshalb Frau Treuherz erst ganz allmählich, dann immer deutlicher ihre Vorkehrungen trifft, den Vogel an sich zu binden – endgültig nicht mehr tiergerechter Ausdruck dieses Bemühens ist eine Leine, die sie ihm schließlich für Ausflüge anlegt, aber dass Ingrid Godons sensible grafische Intelligenz auf dem Titelbild des Buches den Namen „Ellington“ in einer Schreibschrift aufgemalt hat, die nach Farbe und Gestalt dieser Haustierleine gleicht, ist ein traurig-weiser Fingerzeig, der klarmacht, dass schon die Namensgebung ein Akt der Inbesitznahme, die Erhebung eines Anspruchs („Du gehörst zu mir, ich habe dich getauft“) war, der die wechselseitige Zuneigung aufgrund der Macht des menschlichen über das tierische Leben in eine Schieflage bringt, die beiden nicht guttun kann.

          Frau Treuherz führt den Enterich aus wie eine ganz andere Art Lebewesen, und diejenigen, die eher gewohnt sind, aber vielleicht auch nicht gerne, so ausgeführt zu werden, reagieren erwartbar garstig: „Dann kamen die Hunde. So viele auf einmal! Was war das für ein Gebell! Sie zogen an ihren Leinen, die Frauchen und Herrchen konnten sie kaum halten, alle wollten sie zu Ellington. Der flog wieder auf Frau Treuherz’ Arm. Sie hielt ihn zitternd inmitten der aufgeregten Tiere, wobei sie sich auf die Zehenspitzen stellte.“

          Diese fatale Tendenz, die in jeder Liebe lauert

          Dieses „Sie hielt ihn zitternd“ ist, wie manch ein sprachliches oder visuelles Detail im Buch, Signalement eines bemerkenswert raffinierten Umgangs mit der Tatsache, dass überall da, wo es um wichtige Gefühle geht, große Ungenauigkeit und große Intensität der Empfindung aufeinandertreffen – die Wendung lässt nämlich offen, ob die Frau zittert oder die Ente, und irgendwie stimmt es ja genau so, der Unterschied geht ja wohl in der Bedrohlichkeit des Moments tatsächlich für beide sekundenkurz ganz verloren.

          Eine Tragödie ist „Ellington“ nicht, deshalb finden die beiden, für die es keine dauerhafte Zweisamkeit geben kann, schließlich unabhängig voneinander, aber durch die Begegnung erkennbar gereift und charakterlich verbessert, die jeweils artgerechte Erfüllung der Sehnsucht bei anderen Figuren. Bis das geschieht, scheut sich dieses mutige Bilderbuch aber nicht, in das eingangs dieser Rezension angedeutete riskante Thema tiefer vorzustoßen, als die meiste einschlägige Ratgeberliteratur über die Fallen und Nöte ungewöhnlicher Liebeserlebnisse je zustande bringt – das Thema ist die unbewusste, aber für jede Zuneigung mittel- bis langfristig tödliche Entmündigung der geliebten Person durch die Liebende, wenn es zwischen beiden auch nur das geringste Machtgefälle gibt. Ob sich diese fatale Tendenz, die in jeder Liebe lauert, dann als Bemutterung, Bevormundung oder Vergötterung äußert, ist ganz egal – ein Sockel, auf den man gestellt wird, ist nicht weniger unbequem als ein Halsband. Und dass man dagegen nur etwas tun kann, wenn man einander mit Umsicht und Respekt dazu anhält, nicht fürs Gegenüber zu entscheiden, was es braucht, das ist in „Ellington“ federleicht erzählt.

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