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Elizabeth Acevedos „Poet X“ : Ein bisschen zu viel Körper für ein so junges Mädchen

Die Autorin Elizabeth Acevedo ist selbst mit Poetry Slams großgeworden. Bild: AFP

Für Xiomaras streng gläubige Mutter gibt es nur einen Weg für eine Fünfzehnjährige, der alle hinterherschauen. Und für das Mädchen einen anderen, um die eigene Stimme zu finden.

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          Als Xiomara das Weihnachtsgeschenk ihrer Mutter öffnet und ihr Babyarmband findet, wünscht man dem fünfzehn Jahre alten Mädchen aus New York sehr, dass jetzt alles gut wird, dass es zumindest besser wird zwischen den beiden. Dass dieses goldene Kettchen mit der Plakette, auf der einen Seite ihr Name, auf der anderen die spanischen Wörter Mi Hija, meine Tochter, eine Botschaft ist und etwas bedeutet wie: Ich weiß, dass du in vielem anders bist, als ich es mir wünsche, und das ist für uns beide nicht leicht, aber du sollst wissen, dass du immer meine Tochter sein wirst und dass ich dich immer liebe. Selbst als Xiomara, die in Elizabeth Acevedos Roman „Poet X“ ihre Geschichte erzählt, „absolut keinen Sinn“ darin sieht, „dass sie es mir ausgerechnet jetzt gibt“, glaubt der neunmalkluge Leser noch, ein paar Seiten später werde es die empfindliche junge Dame schon merken. Schlimmer könne es ja immerhin kaum werden. Und dann wird es das doch.

          Xiomaras Mutter, aus der Dominikanischen Republik nach New York gekommen, hat sich in ihren Glauben geflüchtet, der Vater sich ins Schweigen. Ihr Zwillingsbruder flüchtet sich in seine Hochbegabung. Und Xiomara selbst? Sitzt in der Falle: Unversteckbar, wie sie sich einmal nennt, „dunkel und kurvig und wütend“, die Wimpern „so lang, dass ich beinahe schön bin“, dazu „Babyspeck, der sich in D-Körbchen und geschwungene Hüften verwuchs“. Oder, wie ihre Mutter sagt: „Ein bisschen zu viel Körper für ein so junges Mädchen.“ Für Altagracia Batista gibt es nur eine Rettung, ein Gebot, einen mütterlichen Befehl, den sie notfalls mit Gewalt durchsetzt: Gottgefälligkeit und Glauben. Xiomara hingegen will dafür beten, dass ihre Gefühle sie „schneller ertränken, als das Weihwasser in der Kirche es tut“. Alles in ihr fühlt sich „überfüllt an, wie eine schmutzige Küchenspüle“, wenn sie gesagt bekommt, sie solle an den Vater und den Sohn glauben, „an Männer, und das, obwohl sie die ersten sind, die mich kleinmachen wollen“.

          Wer hier die eigene Stimme findet

          Was hier nach einem unglaublichen Mundwerk klingt, geschieht die längste Zeit im Stillen: Die Mutter duldet keine Widerworte, in der Schule schweigt das Mädchen größtenteils. Nur wenn sie sich die Jungs vom Hals halten muss, ist Xio um keinen Spruch verlegen. Auch ihrer besten Freundin und ihrem Bruder vertraut sie sich an, am klarsten allerdings dem Notizheft, das er ihr mal geschenkt hat: in Versen - wie denen auf den 350 Seiten des Romans.

          Elizabeth Acevedo: „Poet X“. Roman. Aus dem Englischen von Leticia Wahl. Rowohlt Rotfuchs, Hamburg 2019. 352 S., br., 15,– €. Ab 14 J.

          Mit dieser Form ist „Poet X“ kein Einzelfall: Ihre Romane „Die Sprache des Wassers“ und „Eins“ hat die irische Jugendbuchautorin Sarah Crossan in Versen geschrieben, der Australier Steven Herricks sein „Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen“. Gerade ist „Long Way Down“ von Jason Reynolds erschienen, ein Versroman, in dem ein Jugendlicher die Worte nur so auszuspucken scheint, wenn er erzählt, wie sein Bruder erschossen wurde. Das offenere Spiel mit Rhythmen und Tempi rechtfertigt diese Form, und doch steht ein Roman in Versen schnell unter dem Verdacht, prätentiös zu sein: Macht sich hier jemand wichtig, will hier jemand mit bloßen Zeilenbrüchen eine Geschichte zusätzlich mit Bedeutung aufladen? Elizabeth Acevedos Erzählerin bestätigt und entkräftet diese Unterstellung gleichzeitig: Wer sich in diesem Buch wichtigmacht, ist bislang in seinem Leben zur Bedeutungslosigkeit verdammt. Wer hier mit Zeilenbrüchen, Loops und lyrischen Figuren arbeitet, bringt einen Text in Form, in Schwung, zum Atmen. Wer hier seine Stimme findet, hatte sie bislang noch nicht gefunden. Und was zur Stimme gehört, ist auch noch zu entdecken: Körperlichkeit ist nicht nur ein großes Thema in Xiomaras Texten.

          Ein Traum, den er ihr ansehen könnte

          Als sie der hartnäckigen Einladung ihrer Lehrerin, dienstagnachmittags in ihren Spoken Word Poetry Club zu kommen, endlich nachgibt, als sie bereit ist, dafür sogar die Bibelstunde zu schwänzen, erlebt sie den Schritt, ihren Gedichten ihre Stimme zu geben. Und damit ihrem „Körper endlich all den Raum, den er braucht“. Eines Abends spricht sie nach dem Duschen ein erstes Mal ein Gedicht vor dem Badezimmerspiegel. Die Mutter klopft und will wissen, was es ist: doch wohl nicht etwa Rap? Sie lerne Verse, antwortet Xiomara, in der Gewissheit, für die Mutter könnten das nur Bibelverse sein, und in der Erleichterung, wenigstens nicht gelogen zu haben.

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