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Elizabeth Acevedos „Poet X“ : Ein bisschen zu viel Körper für ein so junges Mädchen

Das Aufbegehren der Jugendlichen gegen den Glauben, die kleinen, immer größer werdenden Freiheiten, die sie sich nimmt, die wachsenden Risiken, die sie damit eingeht: Xiomaras Sache kann nicht gutgehen. Selbst wenn sie sich die Jungs alle nur vom Hals halten wollte mit deren Anzüglichkeiten, Blicken und Berührungen. Selbst wenn es Aman nicht gäbe. Im Biologie-Unterricht teilt sie sich zufällig einen Arbeitsplatz mit ihm. Einer ersten zufälligen Berührung widmet sie ein Gedicht. Dann träumt sie von ihm und fragt sich, ob er ihr am nächsten Tag den Traum ansehen wird „wie Schminke, die deine Wangen erröten lässt“.

Was kann sie ihm schon geben?

Der Flirt von Aman und Xiomara macht auch beim Lesen Spaß, ihre Vorsicht und seine Geduld, das Anhimmeln, die Neugier, das Begehren. Hier zeigt sich das Artifizielle von Versen als die natürliche Form: Wer hat in junger Liebe nicht singen, nicht dichten wollen? Lange erst nachdem sie im Park zusammen Musik gehört haben, nachdem er sie gebeten hat, ihm einmal ein Gedicht vorzulesen, nachdem er sie geküsst, mit ihr getanzt und ihr vorgeschlagen hat, von der Party mit zu ihm nach Hause zu kommen, es sei sonst niemand da, verspricht er ihr: „Morgen wirst du dich in mich verlieben.“

Doch am Tag darauf sieht ihre Mutter zufällig, wie sie sich küssen, und Xiomara weiß bald nicht, was mehr schmerzt: die Reiskörner, auf denen sie danach büßend knien muss, oder doch ihr Herz. „Du warst nur das Ausmaß einer zum Scheitern verurteilten Rebellion“, schreibt sie Aman in einem Gedicht, das ihn nie erreichen soll. Um sich gleich darauf für dieses „Nur“ der Lüge zu bezichtigen: Er war ihr alles. „Was kann ich ihm schon geben?“, fragt sie sich später: „Nichts außer flüchtige Küsse und halbfertige Gedichte. Nichts außer heimliche Treffen und schlechtes Gewissen. Nichts.“

Die erwartbare Litanei bleibt aus

Das Gedicht endet mit einem Versprechen: „Zumindest gibt es die Poesie.“ Und mit der Poesie endet Xiomaras Sprachlosigkeit. Von Pater Sean zum Entsetzen der Mutter noch nicht für bereit befunden, die heilige Kommunion zu empfangen, nimmt sich das Mädchen heraus, statt seiner Einladung künftig der ihrer Lehrerin in den Poetry Club zu folgen. Ihr erstes Gedicht wird dort gefeiert. Und Xiomara begreift, „dass meine Worte in Ordnung sind“.

Urteilt man nach dem Buchtitel „Poet X“, dann erwartet man eine Selbstermächtigungsgeschichte, als würde hier eine Dichterin durchstarten, es allen zeigen, berühmt werden. Wie klein dieses Thema tatsächlich im Roman gespielt wird, ist eine Erleichterung: Zwar überredet die beste Freundin, sonst Stimme der Mahnung und Mäßigung, Xiomara nicht nur, einen Poetry Slam zu besuchen, sondern setzt sie heimlich auch noch auf die Liste der Vortragenden. Und diese Bühne ist nicht die letzte im Roman. Doch eine Litanei wie „Du kannst alles schaffen, wenn du es nur wirklich willst“ bleibt aus.

Bedächtige Autorin hinter einer ungestümen Erzählerin

Stattdessen eskaliert der Konflikt zwischen Mutter und Tochter ein weiteres Mal, und Xiomara bedarf der Unterstützung von unerwarteter Seite, um daran nicht zu zerbrechen. Wie sehr auch ihre Mutter, „die größte Sonne an meinem Himmel, leuchtend, erblindend, verbrennend“, bei alledem die Hilfe von Pater Sean braucht, hatte sich zuvor nur einmal angedeutet, als der Geistliche nach der entdeckten Liebe zwischen Xiomara und Aman nicht nur das, was die Tochter „angeblich begangen hat“, eine Sünde nennt, sondern ganz genauso auch Altagracias Ärger und Wut.

Können Nachsicht und Milde zur Gottesfurcht dieser Frau passen? Selbst für das großes Geheimnis, das ihr Sohn noch mit sich herumträgt? Für vieles wird eine Sprache, eine Stimme gefunden in diesem Buch, vieles aber bleibt auch ungesagt und ungelöst: So offenbart sich, wie fein die Balance ist, mit der Elizabeth Acevedo als bedächtige Autorin hinter einer ungestümen Erzählerin abstimmt, was in und was zwischen den Zeilen ihres Debütromans zu lesen ist.

Elizabeth Acevedo: „Poet X“. Roman. Aus dem Englischen von Leticia Wahl. Rowohlt Rotfuchs, Hamburg 2019. 352 S., br., 15,– €. Ab 14 J.

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