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„Elfensucher“ von David und Ruth Ellwand : Mit dem Lochstein in die Anderswelt

Bild: Sauerländer

Fingierter Forschungsbericht statt Fantasy-Klimbim: Mit einer hundert Jahre alten Schatzkiste lassen David und Ruth Ellwand Englands Elfen so raffiniert wie liebevoll lebendig werden. Nicht nur für Achtjährige.

          2 Min.

          Bis zuletzt hat der Archäologe Gibson Gayle es für ein Märchen gehalten: Als die Landarbeiter, die er für seine Ausgrabungen in den südenglischen Downs angeworben hatte, ihn immer dringlicher warnen, er würde im Barrow Hill die Elfen stören, die dort seit jeher lebten, schickt er sie wütend fort. Als sein Expeditionsfotograf Isaac Wilde den Erzählungen der Alten Glauben schenkt, tatsächlich durch einen Lochstein hindurch die sonst unsichtbaren Wesen sieht und es ihm sogar gelingt, die Aufnahme eines Elfen zu machen, verspottet der Grabungsleiter ihn vor der versammelten Photographischen Gesellschaft als plumpen Fälscher.

          Doch kurz darauf verschwindet der Forscher unter Tage, vor den Augen seines Fotografen. Der findet ein seltsames Instrument an der Stelle, wo sein Auftraggeber eben noch gestanden hat, einen Weghexer, wie er es nennt, zerlegt das Ding sicherheitshalber in seine beiden Einzelteile, vergräbt das eine, verwahrt das andere und beschließt zu fliehen. Doch auch er kommt nicht weit.

          Forschung statt Fantasy

          Ein abstruser Aberglaube, der die spöttischen Ungläubigen schließlich in seinen Bann schlägt: Es ist an sich ein altbekanntes Motiv, das David Ellwand und seine Frau Ruth da auserzählen. Und doch ist ihr „Elfensucher“ ein überaus originelles, ein wunderbares Buch geworden. Die beiden Autoren haben ihren Stoff nämlich raffiniert in eine gut hundert Jahre umfassende Zeitschleife gelegt und bringen ihn nicht etwa als Märchen oder Fantasy-Geschichte, sondern im Gewand einer Dokumentation, die denkbar harmlos beginnt.

          Bei einer Wanderung durch die malerisch-verwunschenen Downs hat David Ellwand, selbst Fotograf, einmal auch so einen Hühnergott, Schraten-, Truten- oder eben Elfenstein gefunden, hindurchgeschaut und ein Licht durch die Bäume verschwinden sehen, das ihn zu einer rätselhaften Kiste in einer alten Ruine führte. Darin findet der Erzähler die merkwürdigsten Gegenstände: neben vielen alten Fotografien zum Beispiel eine winzig kleine Streitaxt, gefertigt aus Muschelschalen und einer Brombeerranke, zwei furchterregende Masken mit Lochsteinen als Augen, eine Brille mit Lochsteinen anstelle der Gläser, einen alten Zylinder mit merkwürdigem Innenleben, ein Expeditionstagebuch und Wachswalzen mit uralten Tonaufnahmen.

          Es ist die Kiste des Fotografen Isaac Wilde aus dem Jahr 1889, und so unbekümmert der Erzähler ihren Inhalt vor uns ausbreitet und den auf die Wachswalzen gesprochenen Expeditionsbericht für seine Leser abschreibt, so gewieft und überaus liebevoll hat das Autorenduo seine Fundstücke nachgebastelt und, nach allen Regeln der Fotokunst um 1889 und, sagen wir, 1989, abgelichtet. Eine richtige kleine Ritterrüstung aus Austernschalen haben die beiden gebaut, nebst Streitaxt, Schwert, Schild und Helm. Und einen Weghexer, dessen magische Kräfte niemand, der ihn sieht, in Abrede stellen wollte – es sei denn, er wäre ignorant und unvorsichtig wie Gibson Gayle.

          Ein mitreißendes Spiel

          Die Ellwands haben allerlei alte Utensilien zum Fotografieren zusammengetragen. Und der Isaac Wilde zugeschriebene Zylinderhut mit integrierter Kamera und vor die Linse montiertem Lochstein, mit einem Elfensucher also, um unauffällig fotografieren zu können, sucht an Schönheit und Schrägheit seinesgleichen. Alte Fotografien, Albumin- und Gelatinesilberabzüge finden sich in Wildes Hinterlassenschaft, sogar ein paar zu seiner Zeit schon technisch überholte, dafür aber fälschungssichere Daguerreotypien, und auch Ellwands stimmungsvolle Naturaufnahmen sowie seine auf Doppelseiten präsentierten Kontaktbögen wirken im Zeitalter von digitaler Fotografie und Bildbearbeitung angenehm antiquiert und damit höchst glaubwürdig.

          Es ist ein hinreißendes Spiel mit alten Sagenmotiven, mit Forschungs- und Fotografiegeschichte, nicht zuletzt auch mit Illusions- und Beglaubigungsverfahren, das David und Ruth Ellwand hier weit über den üblichen Rahmen eines Kinderbuchs hinaus mit uns treiben. Kein Wunder, dass auch der fiktive Finder schließlich in den Sog der Geschichte gerät: Einen Luftzug meinen ja sogar wir Leser zu spüren.

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