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Ulf Stark: „Ein Sommer mit Percy und Buffalo Bill“. Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer. Bilder von Regina Kehn. Verlag Urachhaus, Hamburg 2021. 285 S., geb., 18,– €. Ab 8 J. Bild: Verlag Urachhaus

Kinderroman von Ulf Stark : Als wir klein waren

Manchmal erschrickt der Ich-Erzähler selbst darüber, er könne bald ein Jugendlicher werden: Ulf Starks Kinderroman „Ein Sommer mit Ulf, Percy und Buffalo Bill“ dreht sich um die Tragik der unerwiderten Liebe.

          3 Min.

          Sommer ist die schönste Zeit. Im Kinderbuch auf jeden Fall. Außer vielleicht noch Weihnachten. Deswegen kommt beides so oft vor in der Kinderliteratur. Auch in Ulf Starks Büchern ist es sehr oft Sommer. Und 1994 hat er eine weihnachtliche Tradition begründet. Seither ist die Verfilmung seines Kinderbuchklassikers „Kannst du pfeifen, Johanna?“ an Heiligabend im schwedischen Fernsehen zu sehen gewesen. Da hat ein Junge namens Ulf einen tollen Großvater und sein Freund Berra gar keinen. Also sucht er sich einen, im Altersheim.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Nun fallen, gewissermaßen, Sommer und Weihnachten zusammen. Denn die Sommerferien von Ulf, seiner Familie und seinem Blutsbruder Percy finden in den Schären statt, im überaus kuriosen Haus seines Großvaters. Und der wird gewissermaßen gefunden – aber erst einmal ist er weder toll noch ein Wunsch-Großvater. Sondern wütend, gefährlich, aggressiv, verfressen, stinkig, ach was, ein richtiger Stinkstiefel. Jedenfalls, bis Percy in Großvaters Leben tritt, als ungebetener Gast der Sommerfrische.

          Im Grunde dreht sich „Ein Sommer mit Ulf, Percy und Buffalo Bill“ um die Tragik der unerwiderten Liebe, beim ganz Jungen, Ulf, der das Lachen von Pia, seiner Ferienliebe, nicht aus dem Herzen bekommt, und beim ganz Alten, dem Großvater, der einst eine Frau heiratete, die ihn nicht liebt. Die ganze Tragödie dieser sich zu Ende neigenden, ungelebten und ungeliebten Leben hängt in und über dem Kindheitssommer. Die Schatten fallen auch auf den Vater und die Mutter, die nur ab und an auftauchen in den Sommerszenen. Diese Schwere, jedoch stets mit dem Leichten verflochten, ist große Erzählkunst.

          Andere Sitten

          Nicht nur der Sommer gehört zu den vielen roten Fäden im Werk des großen schwedischen Kinderbuchautors Ulf Stark. Auch Ulf selber. Mal scheint er nur genauso zu heißen, mal hat er so viel von einem jüngeren Ulf Stark, dass man unwillkürlich nach Parallelen zu dem sucht, was bekannt ist über die ersten Jahre des Künstlers, der 1944 geboren wurde und 2017, hochgeehrt und von vielen vermisst und betrauert, gestorben ist.

          Zwei Serien hat Stark mit Ulfs ausgestattet, die besonders viel Erinnerung und Leben des jungen Ulf Stark in sich tragen. Die eine kreist um den „Super-Ulf“, die andere um Ulf und seinen Freund Percy, ein Prachtexemplar von einem Lausejungen mit einem Herz aus Gold. Kein Wunder, dass es Ulf bisweilen ein bisschen viel wird mit Percy, der wie ein Kinoheld immer ein bisschen larger than life wirkt. Obwohl er nicht gerade privilegiert ist und sich herausstellt, dass sogar Percy das ein oder andere nicht kann. Gut, das ist nicht viel. Taugt aber für eine sehr witzige Pointe gegen Ende dieser Sommerferien, deren Abenteuer lauten „Wir vertiefen uns in die Bibel und Percy übt Trockenschwimmen“ oder „Ich denke an gekochte Dorschaugen“. Was könnte vielversprechender sein als solche Kapitelüberschriften?

          Weil Ulf Stark der große Autor war, der er nun mal ist, überbieten die kleinen und großen Abenteuer dieses umfangreichen Sommerromans die Ankündigungen noch, mal muss man nur leise kichern, mal laut herausprusten über all diese Fettnäpfchen, Marotten und Sonderbarkeiten in Ulfs Ferienuniversum. Stark erzählt eine Kindheit aus früheren Zeiten, in der andere Sitten herrschen und die Kinder erstaunlich viel selbst und allein unternehmen dürfen. Zugleich aber sind die Innenwelten ganz frisch, direkt, er zeichnet jene feine Linie, an der eine Kindheit in die Vorpubertät gerät.

          Ein Schmuckstück

          Wenn Ulf, der Ich-Erzähler, selbst erschrickt darüber, er könne bald ein Jugendlicher werden, oder mit der Lässigkeit eines Zehnjährigen – Starks Ulfe sind beinahe immer zehn – sich erinnert, was er früher in den Ferien tat, als er noch „klein“ gewesen war, steckt das voller Witz über die Grandezza des Jungen, und zugleich ist eine Wehmut dabei, zu jung und doch schon zu alt zu sein, die auch Kinder kennen.

          2006 ist „Ein Sommer mit Percy und Buffalo Bill“ erstmals auf Deutsch erschienen, im Carlsen Verlag, aus dem Schwedischen übersetzt von Starks langjähriger Übersetzerin Birgitta Kicherer. Jetzt macht eine Neuauflage bei Urachhaus den großartigen Text wieder zugänglich und erinnert an Stark. Aber das Werk ist ja da, frisch und schwungvoll illustriert von Regina Kehn, deren Vignetten und käferbekrabbelte Vorsatzblätter mitsamt der sorgfältigen Gestaltung aus dem Buch ein Schmuckstück machen. Fast so wie Großvaters Westernstiefel, ganz zum Schluss.

          Ulf Stark: „Ein Sommer mit Percy und Buffalo Bill“. Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer. Bilder von Regina Kehn. Verlag Urachhaus, Hamburg 2021. 285 S., geb., 18,– €. Ab 8 J.

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