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Anke Kuhls Kinder-Comic „Manno“ : Ein Kinderspiel, möchte man meinen

Auf was für Ideen man so im Keller kommt: Auftakt zu einer Geschichte aus Anke Kuhls „Manno!“. Bild: Anke Kuhl / Klett Kinderbuch

Anke Kuhls Comic „Manno!“ erzählt von einem Schwesternpaar und von den siebziger Jahren. Darum taugt es für Jung und Alt. Was wir da lesen, ist von zeitloser Brillanz.

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          Darf man annehmen, dass Kinder heute noch „Manno!“ ausrufen, wenn ihnen etwas nicht passt? Wir taten es in jungen Jahren jedenfalls dauernd, aber die Empörungsfloskel zählte zu jenem infantilen Wortschatz, den man nach der Kinderzeit stolz ablegte, nicht mehr hörte und vergaß. Bis Anke Kuhl ihn nun zum Titel eines Comics gemacht hat, nach dessen Lektüre allerdings eher ein staunendes „O Mann!“ angebracht ist als „Manno!“.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Anke Kuhl, Lesern dieser Zeitung bestens bekannt durch ihre Arbeit als Illustratorin in der Frankfurter Ateliergemeinschaft „Labor“, die jeweils montags die Sonderseite „Jugend schreibt“ bebildert, ist Jahrgang 1970, und sie wird früher selbst häufig „Manno!“ gesagt haben. Häufiger gewiss, als das Wort in ihrem gleichnamigen Comic überhaupt in den Sprechblasen auftaucht. Nur zweimal ist das der Fall, und dann wird es einmal auch noch anders geschrieben: „Mannooo!“, als gedehnter Ausdruck größter Verärgerung, die noch betont wird durch ein nachgesetztes „Du fiese Kuh“. Diese Beschimpfung gilt Eva, und das ist eine der beiden Hauptfiguren in Anke Kuhls Buch. Die andere ist Evas jüngere Schwester, und sie ist es, die da schimpft. Anke heißt sie. Wer nun vermutet, dass „Manno!“ über die Kindheit seiner Autorin berichtet, liegt richtig: „Alles genau so in echt passiert“ lautet der Untertitel. Und gleich auf der ersten Comicseite wird es noch einmal klargestellt, als die Sprechstundenhilfe in einer Augenarztpraxis Eva und Anke in Begleitung ihrer Mutter als „Familie Kuhl“ anspricht.

          Diese erste von insgesamt achtzehn Episoden heißt „Die Brille“ und erzählt, wie Anke Kuhl als etwa siebenjähriges Mädchen zu der Ihren kam. Es ist eine faszinierende Umkehrung der üblichen Kinderverzweiflung angesichts eines Brillenzwangs: Der ist schieres Glück für die kurzsichtige Anke. Und dieser Verstoß gegen die Erwartungen gibt den Ton vor, der „Manno!“ heraushebt aus der Fülle von derzeitigen Kindheits- und Jugenderinnerungen an die sechziger und siebziger Jahre in der deutschsprachigen Literatur: Hier wird konsequent aus naiv-kindlicher Perspektive erzählt. Keine Reflexion der erwachsenen Anke Kuhl trübt das Zeitbild einer Epoche und eines Schwesternpaars. Selbst ein so einschneidendes familiäres Ereignis wie ein Seitensprung des Vaters wird nicht als psychologisches Drama inszeniert, sondern als Rätsel – das er aus der Perspektive eines Kindes ja auch sein muss. Sechs Seiten nimmt sich Anke Kuhl nur dafür, aber die haben es in sich, und die Kapitelüberschrift sagt alles: „Katastrophe“. Alles davor und danach jedoch ist ungetrübtes – na ja, meist – Kindheitsglück.

          Eine Ich-Erzählung im Comic ist schwieriger auszuführen als in Prosa, weil man den Erzähler selbst im Bild sieht, also nicht konsequent seine Perspektive einnehmen kann. Anke Kuhls „Ich“ ist verbannt in die Textkästen. Aber gerade dadurch entsteht eine reizvolle Spannung zwischen erzählendem Text und erzählendem Bild – Riad Sattouf hat es in „Der Araber von morgen“ vorgemacht. Anke Kuhls Comic ist unpolitisch, aber von genauso amüsanter Klarsicht, weil der kindliche Blick Dinge für bare Münze nimmt, die uns Erwachsenen als Illusionen erscheinen. Das entspricht dem faszinierenden Prinzip des kindlichen Spiels, in dem für die Akteure alles real ist.

          Anke Kuhl: „Manno!“ Alles genau so in echt passiert. Klett Kinderbuch, Leipzig 2020. 132 S., geb., 16,– €. Ab 8 J.

          Ist „Manno!“ aber dann überhaupt ein Kinderbuch? Allemal, denn erst einmal werden Kinder tiefvertraute Situationen darin finden. Kabbeleien unter Geschwistern, Familienrituale, Verwandtenbesuche, Nachbarschaftsabenteuer – das alles ist zeitlos. Und dann gibt es solche Passagen im Buch wie den gemeinsam von vier Freundinnen einstudierten Tanz zu einem Popsong. Auf vier Seiten entfaltet sich der ganze Zauber eines Vorgriffs aufs Erwachsenenleben, der einerseits völlig ernst betrieben wird und andererseits einem der Mädchen dann in seiner ganzen Lächerlichkeit klarwird. Dass das Lied hier von Abba, also aus den Siebzigern, stammt, tut nichts zur Sache. Denn wer hätte als Kind nicht versucht, schon lange vor dem Englischunterricht populäre Songtexte rein phonetisch mitzusingen. „Gimmi gimmi gimmi (ä mänafa mitleid)“ ist das Kapitel überschrieben. Dass es auch hinreißend gezeichnet ist, sei nur nebenbei erwähnt.

          Aber auch das macht diesen Comic so großartig: die Expressivität seiner Figuren, die ebenfalls ganz einem Kinderblick entspricht. Alles ist größer, auch Mimik und Gestik. Anke Kuhl hat vor fünf Jahren bereits einen anderen Comic publiziert: „Lehmriese lebt!“ (Ausrufezeichen liebt diese Autorin). Der erschien noch bei Reprodukt, einem der renommiertesten deutschen Comicverlage. Mit „Manno!“ zieht diese Form nun auch ein ins Programm von Anke Kuhls Hausverlag, Klett Kinderbuch. Sollte dieser Verlagsname Erwachsene abschrecken, „Manno!“ zu lesen? Ihnen entginge ein Riesenspaß und ein denkbar lebenskluges Buch.

          Anke Kuhl: „Manno!“ Alles genau so in echt passiert. Klett Kinderbuch, Leipzig 2020. 132 S., geb., 16,– €. Ab 8 J.

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