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Indische Legenden für Kinder : Dämonen, unsterblich? Das darf nicht sein!

Penelope Tunstall, Caroline Widmer: „Aus dem Milchmeer entstand die Welt“. Verlag Baobab Books, Basel 2018. 40 S., geb., 19,– Euro. Ab 8 J. Bild: Verlag Baobab Books

Indras Zorn und Krishnas Beitrag: Ein Bilderbuch erzählt die schönsten indischen Götterlegenden nach und macht sie mit Hilfe von hinreißenden Originalillustrationen verständlich.

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          Auch Götter haben Konjunktur. Sie können stark sein und schwach, sie können ihre Macht unbegrenzt ausleben oder ganz auf sich selbst zurückgeworfen sein, aus Gründen, die sie selbst zu verantworten haben. Indra, der König der Götter etwa, der vom Fluch eines weisen Mannes derart getroffen wird, dass ihn das Unglück verfolgt – „die Dämonen wurden immer stärker, und die Welt versank im Chaos“, so steht das bündig in der Nacherzählung indischer Göttergeschichten, die Penelope Tunstall und Caroline Widmer nun im Verlag „Baobab Books“ vorgelegt haben.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Eigentlich geht es in diesem Buch um eine Sammlung, aufbewahrt im Museum Rietberg in Zürich. Sie umfasst unter anderem Miniaturmalereien aus dem 17. bis 19. Jahrhundert, zarte Bilder, die den dreiäugigen Shiva zeigen, seine Frau Parvati – eine der Geschichten erzählt davon, wie sie ihn durch jahrelanges Anschwärmen endlich für sich interessierte –, ihren elefantenköpfigen Sohn Ganesha und Hanuman, den Gott in Affengestalt. All dies ist mit größter Selbstverständlichkeit nicht nur einzeln dargestellt, sondern auch in Form von Gruppen, etwa wenn die Shiva-Familie rastet und die verschiedenen Reittiere um sie herum gelagert sind wie in sportlichen Menschenfamilien die Fahrräder. Oder die Menschen und Tiere, die sich schutzsuchend um Krishna scharen, während am düsteren Himmel der berittene Indra wütet. Er macht das Wetter und verlangt deshalb auch, für gute Ernten verehrt zu werden, jetzt zeigt er, dass er auch anders kann, aber Krishna hebt mit einem Arm einen Berg in die Höhe, der wie ein Regenschirm den Guss abwehrt. Mit der anderen Hand kann Krishna noch einem Kind tröstend durch den Schopf fahren. Indra, man ahnt es, wird bald aufgeben müssen.

          Überliefert sind die Geschichten um die indischen Götter in monströsen und zugleich variantenreichen Epen, an denen jahrhundertelang immer neu geschrieben wurde und die bis heute zu Adaptionen in den unterschiedlichsten künstlerischen Disziplinen reizen, vom Roman über den Comic bis zum Computerspiel. Sie erzählen von Kämpfen und Liebeswirren, manche sind sehr dicht an literarischen Texten angesiedelt, etwa an den Werken des auch im Westen berühmten Kalidasa, den Goethe für sich entdeckte und mit großer Wärme pries.

          Besser schnell austrinken

          In diesem Band aber gelingt das Kunststück, in kleinen Ausschnitten Schlaglichter auf den Kosmos dieser Mythologie zu werfen und die Nacherzählung einfach genug für junge Leser oder Zuhörer zu halten, den Stoff aber nicht allzu sehr zu verflachen. Man wird lange nicht fertig mit diesen Göttern, die sich oft genug herausgefordert und ständig zum Wandel gezwungen sehen, und der Gedanke, dass etwas entsteht, blüht, vergeht und wieder entsteht, ist diesen Texten nicht nur eingeschrieben, er teilt sich den modernen Rezipienten auch mit.

          Was aber wird nun aus dem so jäh verfluchten Indra? Er sucht sich Hilfe bei den übrigen Göttern. Gemeinsam mit ihnen entwindet er den Dämonen den Trank, der zu Unsterblichkeit verhilft, „schnell tranken sie alles aus, kein Tropfen war mehr übrig“, heißt es.

          Ob er auch bei Göttern wirkt, lässt sich naturgemäß nicht von heute auf morgen feststellen. Dass es aber dabei vor allem darum geht, den Dämonen die Unsterblichkeit zu verwehren, teilt sich rasch mit. Auch deshalb legt man das Buch mit einiger Beruhigung aus der Hand.

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