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Bilderbuch über Sonia Delaunay : Bunt, bunt, bunt sind alle ihre Kleider

Cara Manes, Fatinha Ramos: „Sonia Delaunay und ihre Farben“. Aus dem Englischen von Kati Hertzsch. Diogenes Verlag, Zürich 2018. 38 S., geb., 20,– Euro. Ab 5 J. Bild: Diogenes Verlag

Kunst fürs Leben, zum Anziehen und niemals nur für die Leinwand: Ein Bilderbuch bringt Kindern die farbenselige Kunst der Malerin Sonia Delaunay nahe. Und erklärt nebenbei, was synästhetische Wahrnehmung ist.

          3 Min.

          Beißt sich da nicht die Katze in den Schwanz? Viele Bücher der vergangenen Jahre versuchten Kindern vor allem Künstler der Moderne nahezubringen, obwohl diese Avantgardekünstler doch selbst das meiste von Kindern lernten. Verräterisch ist in dieser Hinsicht der Satz von Picasso, dass er zwar mit sechzehn malen konnte wie ein Alter Meister, es ihn aber ein Leben lang gekostet habe, wieder so malen zu lernen wie ein Kind. Dem spanischen Maler mit lebenslanger Frankreich-Obsession sind daher besonders viele Kinderbücher gewidmet, in denen er sich beispielsweise als Malschwein „Pigcasso“ mit seinem Kollegen „Muhtisse“ in Kuhgestalt dauerzankt.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Nun ist ein neues Künstlerkinderbuch hinzugekommen, das sich erstmals mit einer Avantgardemalerin beschäftigt, die Picasso und Matisse häufig in Paris getroffen haben: Sonia Delaunay, die uneingeschränkte Herrscherin über den Eiffelturm, der in Regenbogenfarben wirbelt. Passend zur Stadt an der Seine, in der Sonia Delaunay einen Großteil ihres Lebens verbrachte, hat die Grafikerin Fatinha Ramos eine Geschichte der New Yorker MoMA-Assistenzkuratorin Cara Manes farbenfroh im Stil der fünfziger Jahre illustriert, seit dem Film „Ratatouille“ die beliebteste „Stil-Atmosphäre“ für Paris. Insgesamt vier reale Bilder von Delaunay sind in das Buch eingestreut, alle anderen Illustrationen aber lassen sich von diesen inspirieren und nehmen insbesondere ihre Farbigkeit und den mitreißenden Rhythmus der Großstadt auf. Selbst für Erwachsene ist es eine Herausforderung, den von Sonia und Robert Delaunay erfundenen „Orphismus“ zu erklären – eine synästhetische Stilmixtur, die alle Sinne zugleich ansprechen will, benannt nach dem antiken Barden, der noch die wildesten Tiere (also auch Kleinkinder) mit seinem Gesang besänftigen konnte. „Sonia Delaunay und ihre Farben“ schafft dies bilderbuchmäßig leicht.

          Lausche den vorbeirauschenden Farben

          Die Erzählung wird über Delaunays etwa zehnjährigen Sohn Charles als Identifikationsangebot für kindliche Leser eingefädelt. Der phantasiebegabte Junge mit Pilotenkappe und Fliegerbrille, über dem ein Modellflugzeug von der Decke seines Kinderzimmers baumelt, wird gleich auf der ersten Seite als Wiedergänger von Saint-Exupérys Kleinem Prinzen eingeführt. Er entdeckt in seiner Kommode eine Patchworkdecke, die ihm merkwürdig vertraut vorkommt. Sonia Delaunay, als Sarah Stern aus der Ukraine stammend, hatte die Decke für ihr Neugeborenes auf traditionelle Art gefertigt, dabei aber zum ersten Mal in ihrem künstlerischen Leben darauf geachtet, dass die Abfolge der bunten Stoffflicken eine Art Melodie ergab.

          Diese für Delaunay charakteristische Mischung aus Surrealismus, Regenbogen-Orphismus und Futurismus ist ebenfalls gut eingefangen, wenn die Mutter mit dem Sohn daraufhin in einem schnellen Gefährt durch orphische Welten fliegt und ihn auffordert, den vorbeirauschenden Farben zu lauschen.

          Man spürt die Absicht der Autorin

          Die multisensorische Europa-Reise verläuft über die Stationen Lissabon und Amsterdam, und über die liebevoll ausaquarellierten Bilder teilt sich die besondere Atmosphäre der beiden Städte intuitiv mit. Auf dem Lissabonner Markt nach dem Vorbild von Delaunays „Portugiesischem Markt“ von 1915 meint man die um die Wette leuchtenden Früchte geradezu riechen zu können. Die schweifgiebeligen Häuser von Amsterdam faszinieren Kinder mit ihrer heimeligen Modellbahnoptik; zudem liegen in den Schaufenstern der Stadt die Stoffe aus, die Delaunay ebenso entworfen hat wie Kostüme und Kulissen für Avantgarde-Opern von Strawinsky oder Diaghilew. In der Grachtenstadt überfordert die Maler-Mutter ihren Sohn vielleicht etwas, wenn sie ihm wie nebenbei ihr künstlerisches Konzept erläutert: Sie gestalte Stoffe, Möbel, Skulpturen wie auch Autos, denn ihre Kunst solle man nicht nur an der Wand sehen, sondern auch anziehen, besitzen und darin fahren. Der kleine Charles soll die Farben und Formen als Töne wahrnehmen, zugleich aber auch noch die Idee des Gesamtkunstwerks verstehen. An diesen Stellen spürt man, dass die MoMA-Kuratorin Manes möglichst viel Wissen einfließen lassen wollte. Dem Delaunay-Sohn Charles hat es offenbar nicht geschadet: Er wurde später Jazz-Experte.

          Noch im Anlegen eines von seiner Mutter geschaffenen Schlafanzugs schlummert der Junge allerdings sofort weg und hat Zeit, das auf allen Sinnesebenen Erlebte zu verarbeiten. Mit diesem anrührenden Bild führt die Welt-Traumreise wieder zurück nach Paris, wo der Knabe das synästhetische Erlebnis Revue passieren lässt, nicht ohne noch ein Lob der Farbe zu singen. Man spürt die Absicht der Autorin, ist aber nicht verstimmt. Die Pracht der Illustrationen wiegt das leichte Zuviel an Didaktischem auf. Und insofern erscheint es fast schon als Ironie, dass die Bildunterschriften von zwei der vier Delaunay-Gemälde vertauscht sind, am Ende dieses zwischen Farb-Utopia und Pariser Realität oszillierenden bildschönen Buches.

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