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Romane über Scheidungswaisen : Wenn mein Vater sich nicht blicken lässt

  • -Aktualisiert am

Sarah Moore Fitzgerald: „All die verborgenen Dinge“. Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel. Verlag Fischer KJB, Frankfurt 2017. 240 S., geb., 14,99 . Ab 12 J. Bild: Fischer KJB

Zu Pferd oder mit der Würstchenbude: Drei Jugendromane aus Irland, Deutschland und Frankreich erzählen von Scheidungswaisen und von Strategien gegen die Entfremdung von den Eltern.

          7 Min.

          Scheidungskinder sind schon lange keine Seltenheit mehr in der Kinder- und Jugendliteratur. Wenn in Europa, statistisch gesehen, auf zwei Eheschließungen eine Scheidung kommt, dann ist das Leben in Familien, in denen die Eltern getrennt oder geschieden sind, längst Normalität geworden.

          Das spiegelt sich auch in der zeitgenössischen Literatur für Kinder und Jugendliche wider, die Trennungsfamilien größtenteils nicht mehr als Abweichung von der Norm der intakten Kleinfamilie darstellt und die Kinder getrennter Eltern als bemitleidenswerte Opfer eines Rosenkriegs. Stattdessen stößt man nun häufig auf Figuren von Kindern und Jugendlichen, die den Umstrukturierungsprozess ihrer Familie so weit wie möglich aktiv mitgestalten und nicht selten sogar humorvoll kommentieren. Und das alles meist reflektierter und abgeklärter als die Eltern.

          In welcher Weise Kränkungen, Verlustängste, Stimmungsschwankungen, Zerrissenheit, Ohnmachtsgefühle und Wut bei Kindern wie bei erwachsenen Familienmitgliedern thematisiert werden, ist in der Literatur ebenso verschieden wie in realen Trennungsfamilien. Das zeigen auch drei aktuelle Jugendromane aus Irland, Deutschland und Frankreich, in denen es um viel mehr geht als um Scheidungskinder. Was sie jedoch alle eint, ist eine weibliche Protagonistin im Teenageralter, die Einzelkind ist und mit der Familiensituation nach der elterlichen Trennung umzugehen hat.

          Was sie zu Hause niemals dürfte

          Am ernsthaftesten behandelt die in New York geborene, in Irland lebende Psychologieprofessorin Sarah Moore Fitzgerald in „All die verborgenen Dinge“ dieses Thema. Hier ist die Trennung noch nicht lange her. Der Vater verlässt die Mutter und heiratet eine deutlich jüngere Frau. Die Erzählerin, Minty, bleibt mit der gedemütigten Mutter zurück, die krampfhaft versucht, ihre Trauer zu unterdrücken und weit vor der Zeit einen Neuanfang übers Knie zu brechen.

          Über weite Strecken liest sich das Buch wie die No-go-Liste aus einem Erziehungsratgeber zum Thema Trennung: Die Eltern giften sich seit langem an, vermeiden aber ein offenes Gespräch mit ihrer Tochter; erst zwei Tage vor dem Auszug des Vaters wird sie informiert, ausgerechnet am Tag vor ihrem Geburtstag; und unmittelbar nach der Trennung tun alle so, als könne man die Vergangenheit mit positivem Denken und Nach-vorne-Schauen ungeschehen machen.

          Dass in dieser Situation der geheimnisvolle Ned Buckley in Mintys Klasse kommt, ist für sie wie eine Offenbarung: „Um mich herum verbrachten alle Menschen ihr Leben damit, so zu tun, als würden sie sich irgendwie fühlen, wie sie sich gar nicht fühlten. Ned war da völlig anders.“ Der Junge, der mit seiner Großmutter in einem Wohnwagen an einer Flussbiegung wohnt und gelegentlich mit einem seiner beiden Pferde durch den Ort galoppiert, ist unangepasst, wild und vom Leben gebeutelt, wie die einen ebenso mitfühlend wie ehrfürchtig sagen. Aufsässig, kriminell und gefährlich finden ihn die anderen – und wollen, dass er wieder verschwindet. Minty ist fasziniert von Ned, und es gelingt ihr, Kontakt zu dem verschlossenen Jungen aufzubauen und in seine Welt einzutauchen. Eine aufregende Welt, in der Minty ihre Liebe zu Pferden ausleben kann und auch sonst einiges tut, was sie zu Hause niemals dürfte.

          Unglückliche Trennungsfamilien gleichen einander

          Im Gegensatz zu den meisten Menschen in Mintys Leben wirken Ned und seine Pferde authentischer und ehrlicher. Sie verkörpern die Kernbotschaft des Buches, das solchen Eigenschaften, gerade auch in Trennungssituationen, einen hohen Stellenwert beimisst. Wenngleich diese Botschaft bisweilen etwas zu aufdringlich und undifferenziert vermittelt wird und einige der Figuren holzschnittartig bleiben: Mit der Geschichte um den geheimnisvollen elternlosen Ned und seine Pferde hat Moore Fitzgerald eine aufregende Gegenwelt zu Mintys angepasstem Dasein in einer zerrütteten irischen Kleinfamilie entworfen, die eine literarische Flucht aus dem Alltag ermöglicht.

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