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„Dieser Elch gehört mir“ von Oliver Jeffers : Das perfekte Haustier hustet uns eins

Bild: Nordsüd

Teilen ist gar nicht so schwer: Oliver Jeffers bringt in seinem sehenswerten Bilderbuch „Dieser Elch gehört mir“ das kindliche Anspruchsdenken zum Ausdruck.

          Eines, was man kleinen Kindern gewiss zusprechen darf, ist ein beherzter Zugriff auf die Umgebung. Denn sie gehört in ihren Augen ihnen, und noch weitab von jedem politischen Programm, folgen sie doch einer alten Maxime: Expropriiert die Expropriateure. Wobei sie selbst die größten Ausbeuter sind, denn jedes Objekt ist ihnen Beute.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          So auch für Wilfred, einen kleinen Jungen, dem man den künftigen Mann von Welt schon an der eleganten blauen Fliege ansieht, die ihm zwischen den Hosenträgern sitzt. Wilfred ist ein Elch zugelaufen - fragen Sie bitte nicht, woher oder warum, das ist eben so. Entscheidend ist etwas anderes: „Wilfred WUSSTE, dass er für ihn bestimmt war.“ Und Oliver Jeffers wiederum weiß, was er tut, wenn er „wusste“ in Majuskeln schreibt.

          Mehr angedeutet als ausformuliert

          Jeffers ist ein lebenskluger Mensch. Geboren 1977 in Australien, aufgewachsen und ausgebildet in Irland, heute arbeitend in New York, hat sich der Illustrator seit dem Erfolg seines 2005 erschienenen Bilderbuchs „Lost and Found“ (auf Deutsch: „Pinguin gefunden“, auch trickverfilmt) als einer der prägenden jungen Bilderzähler der angelsächsischen Welt etabliert. Derzeit ist ihm wohl nur der noch vier Jahre jüngere Kanadier Jon Klassen an die Seite zu stellen. Beide eint die Unverwechselbarkeit ihres jeweiligen Zeichenstils, die alte Vorbilder benutzt, ohne sie zu kopieren, und die souveräne Erzählhaltung, die mehr andeutet als ausformuliert.

          Das bekommt man im Falle von Jeffers mustergültig in dessen jüngster Publikation „Dieser Elch gehört mir“ vorgeführt. Notabene: jüngster Publikation in Deutschland. Auf Englisch sind seitdem schon zwei neue Bücher erschienen, „The Hueys in It Wasn’t Me“, die neueste Folge einer bewusst kindlich wild, aber dabei hochsubtil gezeichneten Familiensaga, und - noch viel besser - „The Day the Crayons Quit“, eine witzige Reflexion übers Zeichnen, die nichts Angestrengtes oder gar Belehrendes an sich hat. Aber die beiden Bücher gibt es hierzulande noch nicht, also erfreuen wir uns eben an „Dieser Elch gehört mir“.

          Ein sehr von seinem Besitz überzeugter Junge

          Und in der Tat: Wilfred und sein Elch, der auf den Namen Marcel getauft wird, sind eine reine Augenfreude. Das Tier kennt nur zwei Gesichtsausdrücke: schimmerlos oder desinteressiert. Wilfred dagegen geht gestisch ganz auf in seinem Bemühen, Marcel zum perfekten Haustier abzurichten, wobei ihm ältere Menschen in die Quere kommen, die gleichfalls Besitzansprüche auf den Elch geltend machen. Das erfreut das Herz des sehr von sich und seinem Besitz überzeugten Jungen nicht.

          Wie dieser Eigentumskonflikt gelöst wird, das lese man selbst nach. Was dagegen schon verraten werden darf, ohne dem Betrachter die Spannung zu nehmen - im Gegenteil: um sie noch anzuheizen, weil Worte nur andeuten können, was es da zu betrachten gibt -, das ist, wie sehenswert die Bilder in „Dieser Elch gehört mir“ sind.

          Nur wenn er sich selbst Grenzen setzt

          Das Verdienst daran gehört aber nicht vollständig Oliver Jeffers, denn für die großen Landschafttableaus, in denen seine beiden Hauptfiguren bisweilen agieren, hat er sich Beistand geholt: in Form der Bilder des 1995 verstorbenen serbischstämmigen Amerikaners Alexander Dzigurski, der nach dem Zweiten Weltkrieg in die Vereinigten Staaten kam und ihre majestätischen Naturschauspiele in kunterbunten Gemälden feierte. Einige Bilder davon hat Jeffers nun expropriiert (denn warum sollte der Zeichner skrupulöser sein als sein Wilfred; Künstler sind doch recht häufig große Kinder).

          Als Hintergründe erscheinen sie zunächst stark verpixelt, später bisweilen auch farblich von Jeffers manipuliert, doch im Fortgang des Buches werden sie immer perfekter, und im Kontrast zu jenen Seiten, auf denen Junge und Elch vor alten Stichen oder gar nur vor weißem Hintergrund agieren, worauf sie farbige Buntstiftschatten werfen, sind Dzigurskis zu Dekors umgewidmete Gemälde wie Traumwelten, über die sich der stolze kleine Wilfred als Herrscher aufschwingt. Wobei - auch das verschweigt Oliver Jeffers nicht - der kindliche Herrschaftsanspruch nur dann durchzusetzen ist, wenn er sich selbst Grenzen setzt. Ein kluges Buch ist „Dieser Elch gehört mir“. Ein schönes ohnehin.

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