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„Die wilden Piroggenpiraten“ von Māris Putniņš : Wenn vor Malagaskar die wilde Kloßpolka tobt

  • -Aktualisiert am

Bild: Fischer Schatzinsel

Eine Mohnschnecke aus gutem Hause fällt unter die wilden Piroggenpiraten. Und findet sogar Gefallen daran: Bei Māris Putniņš werden Mehlspeisen zu Freibeutern.

          Wer es noch nicht weiß: Die Piroggen sind berühmt für ihr Piratenvolk, das von der Insel Tortilla bis nach Sankt Krokant die Weltmeere unsicher macht und so manches Handelsschiff unter dem Kommando träger Zimtkringel versenkt. Die Speckkugel ist dabei das gefürchtetste Piratenschiff von allen, und von genau jenem wird die junge Eloise Mohnschnecke entführt, bildhübsch und goldbraun gebacken, vor den Augen ihrer beiden Verehrer, eines Eclairs und eines Hörnchens. Während der eine sich an die Verfolgung der Piraten auf See macht, wählt der andere den Landweg, droht Mohnschnecke doch auf dem Sklavenmarkt verkauft zu werden, und sie freizukaufen würde Gunst und Geld ihrer Eltern sichern. Was die beiden Helden nicht ahnen: Mohnschnecke hat die wilden Piroggen längst um den Finger gewickelt und selbst Gefallen am Piratenleben gefunden.

          In seinem Buch hat der lettische Autor Māris Putniņš ausnahmslos alle Figuren aus Essbarem geschaffen. Die größte Angst des Gebäcks ist es, von Feindeshand die Füllung zu verlieren, während die Fleischbeschaffenen um ihre Haut fürchten. Auf See wie an Land will so manches Abenteuer bestanden sein, bis alle Feinde zerkrümelt und gepellt und die Piroggen wieder wild und frei sind. Dabei begegnet man fantastischen Gestalten: In Wursterreich sind es die berüchtigten Räuberblutwürste, die sich mit einem schrillen „Barbecue!“ auf ihre Opfer stürzen. So mancher wünscht sich, nie geknetet worden zu sein! Auf See hingegen gibt es die reisgefüllten Wan-Tan-Piroggen, die ständig im Clinch mit den Pilzpiroggen aus dem hohen Norden liegen, denen bisweilen ein Fliegenpilz aus der eigenen Füllung zu Kopfe steigt.

          Getarnte Quarktaschen

          Das Schöne an diesem Buch ist die übermütige Phantasie, mit der die Figuren und ihre Umgebung entworfen sind. Bis ins kleinste Detail passt alles zueinander, und was nicht passt, wird passend gemacht: vom Menschlichen im Gebackenen bis hin zu der Frage, was man als Essbares eigentlich isst, ohne dabei den Leser in eine ontologische Krise zu stürzen. Da findet sich die „mit Bronzeanhängern verzierte Ausgehhaut einer Krakauer Wurst“, eine Stadt namens Tschiesburg mutet an wie der Artushof höchstselbst, nur dass die Tafelritter durch alle erdenklichen (und stinkenden) Käsesorten ersetzt wurden. Die Gebäckritter besitzen Silberfolienharnische, und im von Spargelmönchen bewohnten Kloster grüßt man sich mit „Der Alleinige Kulinar sei mit dir. Vitaminum!“ Wie praktisch ist so eine gebackene Beschaffenheit, wenn es drauf ankommt: Mit der zur eigenen Figur passenden Garnierung - mit Erdbeermarmelade wird eine Quarktasche fix zum Kuchen und eine Pirogge voller Asche zur Afrikadelle - gelingt die Tarnung vor dem fleischigen Feind.

          Die Übertragung der Feinheiten des Miteinanders gelingt selbst für ein Kinderbuch ungewöhnlich leichtfüßig. Beim Lesen geht man förmlich in Deckung vor einer Horde Jägerwürstchen, die, einem Fußballverein auf dem Bierbike gleich, unanständige Lieder grölt, während die spießige Passantin, die sich darüber echauffiert, eine dicke rosige Kochwurst ist. Eine Wonne sind auch die Schimpfwörter, die leicht abgewandelt und nach dem Besuch beim Bäcker nebenan durchaus ihren Weg auf den Schulhof finden könnten, Backblech und Schwefel noch eins! Selbst mit bestem Gebäck kaum aufzuwiegen ist bei alldem die äußerst witzige und feinfühlige Übersetzung von Matthias Knoll.

          Es geht auch ohne Blutvergießen

          Die Piroggenpiraten zeigen, dass Abenteuerlust auch ohne Blutvergießen und große Verstörung möglich ist. Und, gleich welchen Alters: Kein Auge bleibt trocken, wenn eine damenhafte Käsewurst mit allem gebotenen Anstand in einer mittelalterlichen Ritterburg versucht, ein milchbubihaftes Weißbrot von der Ehe zu überzeugen.

          Dieses Buch ist ein Festschmaus für das kindliche Abstraktionsvermögen. Ob vorgelesen oder selbst gefuttert: Ran an den Speck!

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