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„Die Konferenz der Vögel“ von Peter Sís : Erkenntnis ist gelb, Liebe rot

  • -Aktualisiert am

Bild: Aladin Verlag

Tausend Vögel fliegen los, um die Welt zu retten: Aus dem altpersischen Epos „Mantiq Ut-tair“ schuf Peter Sís einen großen Bilderreigen.

          Zuerst das Positive: Es gibt einen neuen Kinderbuchverlag mit dem Zaubernamen Aladin. In der Tat ist es dem Verlagsgründer Klaus Humann schon im ersten Programm gelungen, einen Schatz von vierzig Titeln anzuhäufen, der ihn und sein Team als Aficionados der illustrierten Kinderbuchliteratur ausweist. Man hatte schon vor einem Jahr gehört, dass Humann die Rechte an zwanzig Titeln des abgründigen Maurice Sendak er-werben wollte. Und nun erscheinen tatsächlich nebeneinander das träumerische erste Buch, „Kennys Fenster“ (1956) und das so aufrührerische wie unerbittliche letzte Buch Sendaks, „Bumble-Ardy“ (2011), von einem armen Schwein, das in seinem neunten Jahr einmal Geburtstag feiern will und über die Stränge schlägt.

          Zu den Diamanten in Aladins Schatz gehören auch Shaun Tan, David Wiesner, Helen Oxenbury und Kveta Pacovská. Doch das Besondere an Aladins Programm ist, dass die Neulinge darin so hochkarätig sind, dass sie neben den Altmeistern bestehen können - „Oliver“ von Birgitta Sif und „Als der Bär aus dem Baum fiel“ von Sara Roloff, um nur zwei zu nennen.

          Unter den Kronjuwelieren des Bilderbuchwesens ist auch der 1949 in Brünn geborene Peter Sís, der seit 1984 in New York lebt. Im letzten Jahr erhielt er wie Pacovská und die von ihm verehrten Meister Sendak und Tomi Ungerer den Hans Christian Andersen Preis. Sein Werk umfasst zehn illustrierte und vierundzwanzig eigene Kinderbücher, für die er schon viele Male zu Recht ausgezeichnet wurde. Aladin bringt nun Sís’ jüngstes Werk „Die Konferenz der Vögel“ heraus und richtet es an Kinder ab sechs Jahren. Es kann schon sein, dass es Sechsjährige gibt, die mit dem Satz „Werft ab eure Zwänge, eure Macht und alles, was euch wert“ oder mit dem Satz „Die Liebe liebt das Schwierige“ etwas anfangen können. In Amerika gilt „Konferenz der Vögel“ als Sís’ erstes Werk für Erwachsene.

          Eine erzdemokratische Lehre

          Zugrunde liegt dem Buch das persische Epos „Mantiq Ut-tair“ (“Die Vogelgespräche“), das der muslimische Mystiker Farid ud-Din Attar 1177 verfasste und das in einer Theaterfassung von Jean-Claude Carrière und Peter Brook als „Die Konferenz der Vögel“ bekannt wurde. Tausend Vögel brechen auf. Sie durchfliegen die Täler der Leiden und Leidenschaften: Begierde, Liebe, Wissen, Enthaltsamkeit, Einheit, Bestürzung, Auflösung (persisch „fani“ was auch Endlichkeit, also Tod, bedeutet). Nur dreißig Vögel schaffen es, das die Welt umgebende Ringgebirge Kuh-e-Kaf zu erreichen, wo der Vogelkönig Simurgh sein Nest hat. Dahinter beginnt das Nichts. Dass nur dreißig Vögel es zu Simurgh schaffen, ist die Pointe des sufischen Dichters. Denn „si murgh“ bedeutet „dreißig Vögel.“ Am Ziel angekommen, erkennen die Vögel, dass sie sich selbst gesucht (und gefunden) haben. Die Botschaft lautet also: Selbsterkenntnis ist jedem gegeben, der sich darum bemüht.

          Vögel sind wichtige Symbole für Sís, sagt er, denn sie überschreiten Grenzen nach Belieben. Am Ende seines großen Buches „Die Mauer“ über seine Kindheit im kommunistischen Prag, sehen wir Sís auf einem Fahrrad mit Flügeln aus Papier die Mauer in Richtung Freiheit überfliegen. Seine Version des persischen Epos der Selbsterkenntnis beginnt Sís dann auch mit einer Verbeugung vor dem Altmeister der Selbstsuche, dem Prager Franz Kafka: „Als der Dichter Attar eines Morgens aus einem unruhigen Traum erwachte, stellt er fest, dass er ein Wiedehopf war.“ In einer Sequenz von sechs mikroskopisch feingetüpfelten Bildern führt er die Verwandlung vor. Der Wiedehopf gilt den Persern als der weiseste Vogel. Er beruft eine Konferenz der Vögel ein und beschwört sie: „Seht euch den Unfrieden in der Welt an! Anarchie - Unmut - Aufruhr! Wir müssen etwas tun. Ich kenne einen König, der uns helfen kann.“ Die Replik der Vögel ist der amerikanischen Revolution geschuldet: „Einen König? Wir hatten genug Könige! Was sollen wir noch mit einem König?“ So ist die Botschaft, als sich die Vögel am Ende in Simurgh selbst erkennen, die erzdemokratische Lehre, dass die Verbesserung der Welt vom Volk ausgeht und von allen getragen werden muss.

          Duftige Lüfte der Selbsterkenntnis

          In eklatantem Kontrast zur süßlich altruistischen Umorientierung des radikal egozentrischen Originaltextes stehen die asketischen Illustrationen von Sís, die Konzentration und Versenkung verlangen, um der Verrätselung des mystischen Textes in ihnen auf die Schliche zu kommen. Die präzise Tüpfeltechnik, die Vorliebe für Aussparungen und leere Räume, die Zurückhaltung beim Kolorieren schaffen Bilder, in denen Platz zum Denken ist. Wir verlassen die farbige Überfülle der Vogelkonferenz und fliegen über sieben schaurig-einsame Täler. Jedes Tal hat seine Farbe (Erkenntnis ist gelb, Einheit grün, Genügsamkeit eisig-blau, Liebe rot) und sein eigenes Labyrinth, das ihm wie ein Stempel aufgedrückt ist. Schließlich kommen wir zum tiefblauen Kuh-e-Kaf und fliegen durch duftige Lüfte der Selbsterkenntnis, in denen weiße Vogelkörper sich in fedriges Himmelblau auflösen, zurück in die pulsierende Farbwelt warmer Vogelkörper in Rot, Orange und Goldbraun. Aus den dreißig ist ein einziger geworden (die lateinische Übersetzung „e pluribus unum“ steht auf jeder Dollarnote). Daraus löst sich der Wiedehopf und verwandelt sich zurück in Attar, der in die Ferne davongeht.

          Eine harte Nuss, nicht nur für Sechsjährige. Das Aladin-Team tat gut daran, sie uns vorzulegen.

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