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„Die kleine Hexe“ : Die heile Welt ist anderswo

Nicht ohne meinen Raben: die kleine Hexe Bild: dpa/Illustration: Winnie Gebhardt-Gayler/Thienemann Verlag

Die mutmaßlich „heile Welt“ seiner Bücher sei ihm massiv vorgehalten worden, schrieb er einmal. Man habe ihm übel genommen, dass er nicht auf die „Kindsein-ist-mies-Welle“ eingeschwenkt sei. Vor 50 Jahre erschien Otfried Preußlers „Die kleine Hexe“. Eine Würdigung von Tilman Spreckelsen.

          Was für ein Finale: Da sitzt sie, die Ausgestoßene, die Gedemütigte und Beleidigte, und ruiniert mit einem Handstreich mal eben 500 Existenzen. Denn die kleine Hexe, wegen ihres moralischen Abweichlertums gerade zu den allerniedersten Handlangerdiensten verdonnert, entfacht ein gewaltiges Feuer aus den Besen und Zauberbüchern der anderen Hexen - jener Frauen also, um deren Anerkennung sie ein Jahr lang vergeblich gekämpft hatte. Das hat sie hinter sich, vor sich aber nichts geringeres als die Aussicht auf Weltherrschaft. Denn weil sie ihren Rivalinnen gleich alle Hexenkunst mit weggehext hat, ist sie nunmehr die Einzige, die Zugriff auf die alten Formeln und Rezepte hat.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Natürlich hat die Geschichte in diesem Triumph ihr genuines Ende gefunden, denn der gewiefte Erzähler Otfried Preußler wusste, was er tat, als er auf diesen Höhepunkt zusteuerte (und hat dann auch, anders als beim „Räuber Hotzenplotz“, keine Fortsetzung geschrieben). Und ebenso natürlich wird die Heldin, darf man annehmen, der Versuchung widerstehen, alles unter ihr Kommando zu bringen, denn schließlich wurde sie ja gerade wegen ihrer ungeheuren Warmherzigkeit aus dem finalen Hexensabbat ausgeschlossen.

          Weltweit 4,3 Millionen Mal verkauft

          Eine „gute Hexe“ wollte sie sein, den Bedrängten helfen, die Quälgeister der Armen strafen, die Hungrigen nähren, die Leidenden trösten. Dass sie dabei allerdings nicht als Mutter Teresa endet, dafür sorgt schon das fulminante Gespür ihres Urhebers für komische Situationen, für kindliche Anarchie (immerhin ist die kleine Hexe erst 127 Jahre alt, gemessen an den anderen geradezu ein Küken) und für Signale, die dafür sorgen, dass es immer ein bisschen unheimlich bleibt in diesem Kosmos aus dunklem Wald und vormoderner Kleinstadt. Oder wie soll man, aufgewachsen mit Grimms Märchen, einer Hexe begegnen, hinter deren Haus unübersehbar ein Backofen thront?

          Der Autor und einer seiner Helden: Preußler mit Hotzenplotz

          „Die kleine Hexe“, nach dem „Kleinen Wassermann“ Otfried Preußlers zweites Buch, erschien vor genau fünfzig Jahren, am 1. April 1957, und wurde seitdem weltweit mehr als 4,3 Millionen Mal verkauft, in 44 Sprachen übersetzt und oft auch mit den schönen Illustrationen von Winnie Gebhardt-Gayler gedruckt, die bis heute die deutsche Ausgabe zieren, allen vermeintlichen Wünschen des Lesepublikums nach grellen und glatten Illustrationen zum Trotz. Preußler und Gebhardt-Gayler ist, jedem auf seine Weise, damals auf Anhieb ein Klassiker geglückt, der seine Unanfechtbarkeit Jahr für Jahr aufs Neue beweist und dabei regional klar konturierte Begriffe wie „Klaubholz“, „Revierförster“ oder „Fäustling“ in den fernen Osten oder in die arabische Welt trägt, offenbar nicht zum Schaden des Werks.

          Ein doppelt kurioser Vorwurf

          In einem großen Text aus dem Jahr 1988 erinnert sich Preußler an die Anfeindungen, denen er 15 Jahre zuvor ausgesetzt gewesen war. Die mutmaßlich „heile Welt“ seiner Bücher sei ihm massiv vorgehalten worden, schreibt er, und dass er damals in den Siebzigern nicht „auf die heftig aufgeschäumte Kindsein-ist-mies-Welle“ eingeschwenkt sei, habe man ihm in der Kinderliteraturszene übelgenommen.

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