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Laura Fuchs’ Bilderbuchdebüt : So ein hochbetagtes Reptil

Laura Fuchs, Martin Gülich: „Die fabelhafte Reise des Gaspard Amundsen“. Thienemann Verlag, Stuttgart 2016. 32 S., geb., 14,99 €. Ab 4 J. Bild: Thienemann

Martin Gülich und Laura Fuchs erzählen, was einem Gewohnheitstier widerfährt, wenn es von seinen Gewohnheiten lässt. Gleich mit ihrem Bilderbuchdebüt zeigt die Illustratorin die Klasse einer Klassikerin.

          Gaspard Amundsen wird auf seine alten Tage zum wankelmütigen Geschöpf. In seiner lauschigen Wohnung künden Planetenmodell, Globus und Filmkamera zwar von großer Neugier auf die Welt, doch in 107 Lebensjahren hat sich der Bewohner nicht aus der näheren Umgebung herausbewegt. Denn Gaspard Amundsen ist ein ortsfestes Großstadtkrokodil mit Vorliebe für gute Lektüre und Brennnesseltee. Doch auf einmal sehnt er sich nach Veränderung.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Und so bricht er auf und lässt sich treiben, je nach Inspiration durch allerlei Begegnungen. Er reist mit dem Zug und mit einem Doppeldeckerflugzeug, er befährt das Meer und bewundert die Polarlichter. Er trifft ausnahmslos freundliche Zeitgenossen - na ja, fast ausnahmslos, denn vor der jugendforschen Waschbärenbande hatte das betagte Reptil niemand gewarnt, so dass sein Reisegepäck stark erleichtert wurde. Fortan ist es ohne Bücher und Brennnesseltee unterwegs.

          Schon die Klasse einer Klassikerin

          Was einem Gewohnheitstier widerfährt, wenn es von seinen Gewohnheiten lässt, das berichtet der schon länger mit Jugendbüchern erfolgreiche Schriftsteller Martin Gülich in dieser Geschichte mit dem Titel „Die fabelhafte Reise des Gaspard Amundsen“. Trotz dessen epigonalem Klang steckt das Buch voller Originalität. Und einen wunderschönen Erzählton weist es auf, voll gewählter und doch nicht manierierter Formulierungen und sogar unter gelegentlicher Verwendung einer heute alles andere als üblichen Höflichkeitsform, die kindliches Sprachgefühl bereichern wird: „Ein Boot ist ein Boot und kippt nicht einfach um, beruhigte sich Gaspard. Das Ufer war kaum mehr zu erkennen, so weit war er bereits hinausgerudert. Wenn nur kein Sturm aufkommt, dachte er. Aber das Meer lag still und glatt vor ihm, nicht der kleinste Windhauch kräuselte das Wasser. So still, dass Gaspard sich nach einiger Zeit sogar traute, seinen Kopf hineinzustrecken. ,Seid gegrüßt und kommt herein‘, sagte ein riesiger Blauwal, der gerade unter ihm hindurchschwamm. ,Das Meer ist das Meer, Ihr werdet auf der ganzen Welt nichts Schöneres finden.‘ ,Aber‘, sagte Gaspard leise, ,ich weiß gar nicht, ob ich tauchen kann.‘ ,Und glaubt Ihr‘, antwortete der Wal, ,Ihr werdet es herausfinden, wenn Ihr es nicht versucht?‘“

          Dieses Buch feiert den Wagemut, und die Bilder, die Laura Fuchs dazu gemalt hat, sind von einer Detailfreude und Farbsubtilität, die selbst wagemutig genannt werden darf. Es ist das erste Bilderbuch der 1991 geborenen Illustratorin, die derzeit an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft in Hamburg studiert, aber schon die Klasse einer Klassikerin aufweist - situiert zwischen der Altmeisterin Sabine Friedrichson, die Pate gestanden hat für die Vignetten neben den großen Tableaus, und dem Jungmeister Torben Kuhlmann, der auch in Hamburg seine Ausbildung durchlaufen hat. Doch dass Laura Fuchs für die auf ihren Bildern dargestellten Druckerzeugnisse eigens ein Alphabet entwickelt hat, dass mit ein wenig Mühe und viel Spaß entziffert werden kann, das ist etwas Besonderes. Dazu kommt ein fulminantes Gespür für Wolken und Wasser und vor allem für Licht. Man kann verstehen, dass es Gaspard Amundsen hinauszieht in diese Welt. Hoffentlich wird ihn künftig weitere Unruhe befallen.

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