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Jugendroman „Foster vergessen“ : Rückzug des Generals

  • -Aktualisiert am

Dianne Touchell: „Foster vergessen“. Roman. Aus dem Englischen von Birgit Schmitz. Königskinder Verlag, Hamburg 2018. 256 S., geb., 16,99 €. Ab 14 J. Bild: Königskinder Verlag

Gegner Alzheimer: In Dianne Touchells „Foster vergessen“ kämpft ein Sohn um seinen Vater. Der Jugendroman ist eine kinderphilosophische Reise zum Ende der Erinnerung, wo alle existentiellen Fragen beginnen.

          3 Min.

          „Dads Vergesslichkeit war auf leisen Sohlen gekommen. So wie eine Spinne, die ihr Netz in einem Durchgang webt.“ Im Alzheimer-Roman für Jugendliche erzählt die Australierin Dianne Touchell, die mit dem Außenseiterroman „Zwischen zwei Fenstern“ bekannt wurde, ungeschönt über die Spinne Vergesslichkeit und eine Verlustgeschichte des Vaters als Autoritätsperson. Es ist eine kinderphilosophische Reise zum Ende der Erinnerung, wo alle existentiellen Fragen beginnen. Dem siebenjährigen Foster ist sein Vater Malcolm geliebte Überfigur. Beruflich Finanzfachmann, war er privat ein begnadeter Geschichtenerzähler: „Die Stimme seines Vaters erfüllte den Raum wie ein Orchester, während sie im Rhythmus von Schlachtrufen, Drachen und triumphierenden Helden mal lauter und mal leiser wurde.“ Weitere Figuren sind die nach Verkehrsunfall und Koma in einer Gesichtshälfte gelähmte Mutter, die beratungsfreudige Tante Linda, Miss Watson als böse Nachbarin, unsensible Mitschüler, in Fosters Haus und Heimen tätige Pfleger.

          Es scheint erst ein Lapsus, als Dad mit Märchenerzählerstimme Geschäftstelefonate führt oder Gesprächsfäden verliert. Doch seine Persönlichkeitsstörungen, Angst und Agitiertheit nehmen zu. Das Alzheimer-Buch „Foster vergessen“ zeigt Jugendlichen jenes bittere existentielle Interludium der Wahrheitsfunken, just bevor wir vergessen, dass wir vergessen: „Er war ebenso verwirrt wie alle anderen über den seltsamen Wind, der durch alles hindurchwehte und die Wörter mit sich nahm.“ Der Alltag nach der Diagnose wie Kämpfe ums Pflegegeld, Nebenjobs der Mutter und Tagesbetreuung zwischen Burn-out, Gewissensnot und Märtyrertum ist hart. Der unter Liebesentzug der hyperventilierenden Mutter leidende Foster rebelliert, indem er provokant auf alle Fragen „Weiß ich nicht mehr“ antwortet. In der Schule verleugnet er zunächst den Vater und lacht bei Alzheimer-Witzen mit.

          Dass man im Beisein des Patienten über ihn spricht, verdeutlicht das kogniti-ve Machtgefälle. Vom Vorleben bleibt nur noch der Habitus, wenn Malcolm einer Pflegerin sagt, er müsse noch Kunden anrufen. Er gerät in den Teufelskreis der Ausreißversuche, Demütigungen, Entmündigungen. Der Kranke gewinnt aber Handlungsvollmacht über die Gesunden, die eher reagieren als agieren, zurück. Touchell schildert den Gefühlswirrwarr zwischen Situationskomik, Slapstick, Scham, Überforderung, Mitleid und Hass.

          Das hieße, vor der Realität kapitulieren

          Die abklingende Rhetorik des Geschichtenerzählers, dessen Überlieferungen im Sohn weiterleben, ist Moment der Trauer und Hoffnungszeichen. Foster verarbeitet das Familienschicksal spielerisch, indem er mit Plastiksoldaten Schlachten inszeniert: Er nennt ihren General, der gefeiert wird, sich selbst aber der Manöver nicht mehr erinnert, „Dad“: Die Geschichte des Generals existiert nur noch in der Erinnerung seiner Truppen. So wird der Vater zu einem General auf dem Rückzug. Im Umkehrschluss der Philosophie, die Menschen als Summe aller Erinnerungen sieht, fragt sich der kleine Junge, ob „etwas Vergessenes eigentlich ganz aufhörte zu existieren“ und kommt auf den Gedanken, die Geschichten des Generals aufzuschreiben, damit sie Bestandteil der echten Geschichte werden.

          Das Finale, das die Unreife der Gesellschaft im Umgang mit einem Teil ihrer Normalität zeigt, kreist um die gemeinsame Geburtstagsfeier Fosters und des Vaters, deren Geburtstage nah beieinanderliegen. Die Aufgabe des Rituals hieße, vor der Realität kapitulieren. Fosters Schulfreunde kommen, um den „Verrückten“ zu sehen, worauf Foster sich im stummen Weinen ins Kinderzimmer zurückzieht, und auch die Fröhlichkeit der Verwandten ebbt immer gleich wieder ab.

          Väter, die zu Kindern werden, aber irgendwie Väter bleiben

          Irgendwann war Vaters Vergesslichkeit kein Spinnengewebe mehr, „aber wie ein Schleier. Und den konnte er nicht mehr einfach abreißen, nur zerteilen, um einen schnellen Blick auf seinen Dad jenseits der verlorenen Geschichten zu erhaschen.“ Im Moment, als sich Foster vom Gedanken verabschiedet, den Vater aus seiner Vergangenheit zu erklären, beginnt sein eigenes Erwachsenwerden.

          Am Ende schenkt er dem General außer Dienst, der sich auf die Abschiedsreise vom Ich begibt, das seine Schicksalsfäden zusammenfassende Buch „Der General“. Touchells luzider Krankheitsroman handelt von Vätern, die zu Kindern werden, aber irgendwie Väter bleiben. Für den Helden Foster aber werden die Geschichten zum Trost. Und ihre Macht erweist sich als ungebrochen.

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