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Kinderroman von Dave Eggers : Der Tag, an dem die Schule verschwand

Dave Eggers: „Die Mitternachtstür“. Mit Illustrationen von Aaron Renier. Aus dem Englischen von Ilse Layer. Fischer Sauerländer, Frankfurt am Main 2018. 368 S., geb., 17,- Euro. Ab 10 J. Bild: Fischer Sauerländer

Was lehrt uns ein Loch im Boden? Dave Eggers hat seinen ersten Roman für Kinder geschrieben: „Die Mitternachtstür“, voller Abenteuer und Humor.

          Mit dem kleinen Ort, der sein neues Zuhause werden soll, stimmt irgendetwas nicht. Granite Flowerpetal weiß es in dem Moment, als er mit seinen Eltern und Schwester Maisie aus dem Auto steigt und auf das schmale, einstöckige, sich den Berg hinab neigende Holzhaus blickt. Carousel ist heruntergekommen, hügelig und in jeder Hinsicht schief, ganz anders als die Stadt an der Atlantikküste, die seine Familie verlassen hat. Hier tragen Männer Achselshirts und balancieren ihre Körper auf Kinderrädern. Seine Klassenkameraden sind groß und kräftig. Und sie entschließen sich, ihn zu übersehen.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Granite, der sich Gran nennt, weil ihm sein Name peinlich ist, hat so seine Erfahrungen mit der Traurigkeit. Seine Mutter sitzt seit einem Unfall im Rollstuhl, sein Vater ist chronisch arbeitslos, die Gründe für ihre steten Streitereien sind ihm unbekannt. In dem krummen Ort, wo einst Grans Ururgroßeltern wohnten, soll es Arbeit geben, aber die Menschen sind viel zu arm, um sich Autoreparaturen leisten zu können, also verschwindet der Vater nach wenigen Wochen.

          In diesem ernüchternden Umfeld bewegt sich Dave Eggers’ erster ausgewiesener Kinderroman. Zwar brachte Eggers bereits Maurice Sendaks „Wo die Wilden Kerle wohnen“, das legendäre Bilderbuch über den Jungen Max, der vor seiner ignoranten Familie flieht und nach einer Bootsfahrt auf einer Insel voller wilder Tiere landet, in Romanform, wollte damit aber Leser jeden Alters ansprechen. In „Die Mitternachtstür“ erprobt er nun die Perspektive des zwölfjährigen Gran. Er habe ein Buch schreiben wollen, das er als Kind selbst gern gelesen hätte, voller Abenteuer, Humor und Geheimnisse, hat Eggers erklärt. Die Melancholie muss also noch vertrieben werden.

          Dann müssen sich eben die Kinder darum kümmern

          Alles an der neuen Stadt ist geheimnisvoll. Der steile, kurvige Weg zur Schule, der an einem Haus vorbeiführt, in dem sich immerzu zwei Frauen streiten, die Schlaglöcher, der Mann, der im Keller der Schule haust und sich El Duque, der Herzog, nennt. Als aus einem Teich am Stadtrand ein furchterregender Pferdekopf auftaucht, erfährt Gran, dass der Ort vor Jahren für die Herstellung prunkvoller Karussells bekannt war. Und dann ist da Catalina Catalan, seine Klassenkameradin, die ihm aufhilft, als er gegen eine Wand läuft, und für die der Unterricht eine sehr nebensächliche Rolle spielt, weil sie im Dienste einer größeren Mission steht. Catalina ist schlagfertig und selbstbewusst. Und so interessant, dass sich Gran nachts für sie aus dem Haus schleicht.

          In der Mitte der Erzählung stürzt die Schule ein. Die Erwachsenen stehen daneben, unbeeindruckt und damit beschäftigt, sich über Stadtpolitik zu streiten. Die einen verlangen nach mehr Parks und Schulen, die anderen unterstützen die haarsträubende Idee eines lokalen Aktivisten, mit Hubschraubern gegen ein diffuses Bedrohungsszenario anzugehen. Um das gähnende Loch an der Stelle, wo zuvor die Schule stand, machen Eltern wie Lehrer einfach einen Bogen. Aber der nächste Einsturz folgt und den Kindern wird klar, dass Ergründung und Behebung der Stabilitätsprobleme des Ortes in ihren Händen liegen. „Warum wollen die Leute bloß immer Erklärungen, wenn die Dinge so offensichtlich sind?“, fragt Catalina Gran, der auch keine Antwort darauf hat.

          Allzu oft holpert die Sprache hinterher

          Was Eggers hier erzählt, ist ein phantasievolles Abenteuer voller Spitzen gegen die Erwachsenenwelt, dessen Wendungen überraschen, ohne dass der Autor sich dabei auf neues Terrain wagen müsste. Gran folgt Catalina in den Wald und durch eine geheimnisvolle Tür in ein unterirdisches System aus Gängen, wo ein garstiger Wind geht, der von Verzweiflung und Traurigkeit gespeist wird. Weil es in ihrem Ort seit dem Untergang eines ganzen Industriezweigs, der Karussellherstellung, kaum Hoffnung auf Arbeit gibt, wütet er hier besonders heftig und reißt an den Fundamenten des Familienlebens. „Die Mitternachtstür“ birgt intensive Momente. Es sind vor allem die ruhigen, melancholischen: etwa, wenn Grans Mutter beim Essen sitzt und sich ihr Mund bewegt, obwohl sie nichts sagt. „Es war, als würde sie ein langes, stummes Gespräch mit sich selbst führen.“ Oder wenn die Kinder mit ihr „Flutwelle“ spielen, indem sie den Rollstuhl im Rhythmus der Wellen ihrer Heimat schieben und stoppen.

          Aber warum meldet sich der Erzähler so sporadisch und unvermittelt zu Wort, um seinen Lesern mitzuteilen, dass sie auf der falschen Fährte sind? Die erzählerischen Schwierigkeiten Eggers’ erinnern an die seines Bestsellerromans „The Circle“. Trotz aller Handlungsdichte bleiben die Hauptfiguren seltsam starr, immer eine Armlänge entfernt. Vieles wird abgehandelt, ohne den Lesern Zeit zu geben, es in ihren Köpfen Form annehmen zu lassen. Eggers spielt mit absurden Elementen, scheinbar ohne sie gezielt als Stilmittel einzusetzen. Die Symbolik der Kinder, die zu verhindern versuchen, dass ihre Welt vor Hoffnungslosigkeit aus den Fugen gerät, ist überzeugend, geht aber am Ende in einer Woge pflichtbewusst abgeschlossener Erzählstränge unter. Und wenn tief im Erdinneren zu einer internationalen Konferenz geladen wird, sehnt man sich danach, mehr zu erfahren, aber dann ist der Moment auch schon vorbei.

          Allzu oft holpert die Sprache hinter der lebendigen Erzählung her, was nur zum Teil der Übersetzung geschuldet sein kann. Zu oft ist Grans Frage „Was ging hier vor sich?“ zu lesen. Und warum die Kinder in der Schule gesiezt werden, bleibt ein Rätsel. Dennoch atmet „Die Mitternachtstür“ das Vertrauen eines Kindes in die Welt und in seine eigene Kraft, diese zu verändern. Nach jedem Spaziergang mit der Familie ist es wieder Zeit, sich daranzumachen. Das gibt Hoffnung.

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