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Japanisches Märchenbilderbuch : Folgsam und leidenschaftlich zugleich

  • -Aktualisiert am

Wenn einem beim Malen immer eine Katze dazwischenkommt, muss man sich ihr irgendwann fügen: Illustration von Anita Kreituse aus dem Band „Der Junge, der Katzen malte“ Bild: Anita Kreituse / Edition Bracklo

Lafcadio Hearn erzählte das japanische Märchen nach, Anita Kreituse setzte es ins Bild: „Der Junge, der Katzen malte“ ist eine Entdeckung.

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          Das Märchen vom Jungen, der Katzen malte, ist schnell erzählt: Der jüngste Sohn einer kinderreichen Familie in Japan malt gerne Katzen. Nicht nur abends, wenn die Arbeit auf dem Hof seiner Eltern getan ist, sondern den lieben langen Tag, während seine Brüder dem Vater auf dem Feld und seine Schwestern der Mutter im Haus zur Hand gehen. Der Bauer und seine Frau sind gute Menschen. Statt ihren jüngsten Sohn zu tadeln, schicken sie ihn in ein nahes Kloster, wo er lernen soll, dass man mit einem Tuschpinsel noch andere Dinge zeichnen und vor allem auch über andere Dinge schreiben kann. Doch der Priester bringt den Jungen von seinen Katzen nicht ab. Das Einzige, was er ihm mitgibt, als er ihn schließlich entlässt, ist der rätselhafte Rat: „Meide große Räume in der Nacht – halte dich an kleine!“

          Lena Bopp
          Redakteurin im Feuilleton.

          Das tut der Junge, als er auf der Suche nach einer neuen Herberge auf ein verlassenes Kloster stößt, wo er als Erstes die herrlich weißen Wandschirme im großen Saal bemalt, bevor er sich, den Rat des Priesters im Ohr, in einem kleinen Schrank zur Ruhe legt. In der Nacht hört er schrecklichen Lärm aus dem Saal. Am Morgen findet er dort einen toten Goblin, eine Riesenratte. Und er sieht, wie seinen Katzen auf dem Wandschirm das Blut aus den Mäulern läuft. Und nun? In der Version des Märchens, die vor weit mehr als hundert Jahren der nach Japan emigrierte Lafcadio Hearn erstmals ins Englische übersetzte und damit an westliche Leser brachte, wird der Junge ein berühmter Künstler. „Einige der Katzen, die er gemalt hat, werden bis heute Reisenden in Japan gezeigt“, heißt es in seiner Übersetzung, deren Richtigkeit allerdings bezweifelt worden ist.

          Im japanischen Original soll der Junge nur zum Vorsteher des Klosters geworden sein, was etwas weniger pathetisch ist, den Erfolg des Märchens aber wohl kaum geschmälert hätte. Seit es 1898 unter dem Titel „Japanese fairy tales: The boy who drew cats“ erschien, sind viele Ausgaben der Geschichte in allen möglichen Ländern der Welt veröffentlicht worden. Zuletzt auch in Lettland, wo Anita Kreituse Illustrationen beisteuerte, deren Stil auch jenen vertraut sein dürfte, die den Namen der Künstlerin noch nie gehört haben. Vor ein paar Jahren hat Anita Kreituse die Illustrationen auf den Packungen von „Yogi Tee“ gemalt, die in jedem deutschen Bio-Supermarkt ganze Regalreihen füllen.

          Lafcadio Hearn, Anita Kreituse: „Der Junge, der Katzen malte“. Aus dem Englischen von Gabriela Bracklo. Edition Bracklo, Birkenwerder 2021. 52 S., geb., 24,80 €. Ab 5 J.
          Lafcadio Hearn, Anita Kreituse: „Der Junge, der Katzen malte“. Aus dem Englischen von Gabriela Bracklo. Edition Bracklo, Birkenwerder 2021. 52 S., geb., 24,80 €. Ab 5 J. : Bild: Edition Bracklo

          Für die nun ins Deutsche übersetzte und großzügig gestaltete lettische Ausgabe des Märchens hat Kreituse Doppelseiten gezeichnet, von denen mehrere auf­einanderfolgen, bevor dann jeweils eine Seite ausschließlich dem Text gewidmet ist. Dieser Wechsel von Lesen und Schauen ermuntert dazu, genau hinzusehen. Häufig spielen die Bilder von Anita Kreituse mit Proportionen, verzichten auf einen klaren Mittelpunkt und auf per­spektivische Darstellung. Stattdessen setzen sie groß in Szene, was den Kern der Geschichte ausmacht: die Katzen, die oft in knallbunten Farben und Überlebensgröße die Bilder dominieren, als wären sie gute Geister, die den Jungen auf seinem Weg begleiten. Der ist fast immer traumverloren mit seinem Pinsel beschäftigt. Er trotzt Wind und Wetter, übersteht gefährliche Reisen, blickt seine Eltern und den Priester, der ihn auf einen rechten Pfad bringen soll, stets folgsam an – und scheint doch nur wahrzunehmen, was seine Leidenschaft zulässt.

          Eine Leidenschaft, die ihn nicht ver-, sondern anleitet und märchenhaft beschützt. Ob als Künstler oder Priester ist da ganz egal.

          Lafcadio Hearn, Anita Kreituse: „Der Junge, der Katzen malte“. Aus dem Englischen von Gabriela Bracklo. Edition Bracklo, Birkenwerder 2021. 52 S., geb., 24,80 €. Ab 5 J.

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