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Jugendroman „Winterpony“ : Buchstäblich vom Pferd erzählt

Ponys mit Lawrence Oates, Mitglied der Scott-Expedition Bild: Biodiversity Heritage Library

Der Roman „Winterpony“ von Iain Lawrence versucht sich an einer Phantasie übers tierische Weltbewusstsein: Wo liegt der Südpol?

          2 Min.

          Wer je mit Pferden Umgang hatte, kann nicht leugnen, dass sie sich an Ereignisse erinnern, Folgen ihres Verhaltens bedenken und überhaupt aus Wahrnehmungen Schlüsse ziehen. So zeigen sie Fähigkeiten, die uns Menschen von Werbung, politischer Demagogie und den Stimmungsstürmen sozialer Netzwerke gerade abgewöhnt werden. Will man Pferde freilich zum Sprechen bringen, dann empfiehlt es sich, nicht nur über die menschliche und die tierische Psyche, sondern auch über Sprache nachzudenken.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          In „Winterpony“, einem Jugendroman des kanadischen Schriftstellers und Publizisten Iain Lawrence, äußert sich auf vielen, wenn auch nicht allen Seiten ein Pferd, dem die Menschen den Namen „James Pigg“ gegeben haben, als historischer Zeitzeuge: Es erlebt die Südpolexpedition des Berufshelden Robert F. Scott, die zwischen 1910 und 1913 die Außengrenze der von Menschen betretenen Erdregionen mitverschob. Wo Stewarts Sprache sinnlich gebildet ist, sagt sie vieles, das man für wahr halten kann, etwa, dass das Tier sich vor den Fingern des Krämers in seinem Mund ekelt, denn die „schmeckten nach schrecklichen Dingen, und seine Fingernägel waren wie kleine Steine, die sich in mein Zahnfleisch bohrten“, oder wenn der letzte, grausame Wegabschnitt der Tour beim Tier nur noch erschöpfte Sachlichkeit zulässt: „Zwölf Stunden lang kämpften und ackerten und taumelten wir durch den Schnee. Wir hielten nicht an, um etwas zu Mittag zu essen, denn es gab nichts mehr zu fressen. Patrick stopfte mir ein Stück Keks in den Mund, als ich zitternd im Schnee lag, aber er riss an meinem Halfter, bevor ich es fressen konnte, und es fiel mir aus dem Maul. Als ich versuchte, es aufzuheben, zerrte er meinen Kopf herum. ,Komm schon!‘, schrie er, ,steh auf!‘, und jemand schlug mich von hinten. Ich musste den Keks im Schnee liegen lassen. Er war angebissen, wies menschliche Zahnspuren auf und würde wohl für immer auf der Barriere liegen bleiben.“

          Völlig daneben geht’s nur selten

          Der letzte Satz wäre im Film ein Kunststück der Bildfindung, streckt sich aber mit seiner Erwägung der Ewigkeit in eine Richtung, in der die Lektüre unterfordert wird, weil statt Pferdegedanken nur dasteht, was unsereins sich in ähnlicher Lage so zusammengrübeln würde.

          In „Winterpony“ verfährt Lawrence leider oft so; am allerunnötigsten in Vergleichsgestalt: Noch bevor das Geschöpf, das uns sein Leben mitteilt, dem ersten Menschen begegnet, bewundert es die Mähne eines älteren Artgenossen, weil die „wie ein glänzendes Banner“ im Wind flattert, und auf der Schiffsreise entsetzt es sich über zwei tote Ponys, weil die schlaff und leblos „wie ein Sack voll Kohlen“ daliegen. Anderes überzeugt: Wir neigen ja zur Intoleranz, also fühlen wir uns einem Wesen, das Abneigungen hegt, gleich näher, und so stattet der „Winterpony“-Verfasser seine Pferdestimme mit einem Widerwillen gegen Hunde aus – schon „der Gestank der Hunde war unerträglich“, am Sturmwind ist schlimm, dass er „so laut heulte wie ein Hund“, und die Enttäuschung ist plausibel, die das Pony empfindet, als es nach kurzer Erlösung von ihrer Gegenwart die Hunde wieder ertragen muss: „Ich hatte gedacht, ich wäre sie los“, das Pony weiß halt nicht, wozu es überhaupt in Hundegesellschaft geraten ist, weil der Zweck der Expedition sich seinem Verständnis entzieht.

          Gemeinsamkeiten zwischen Pferd und Publikum herauszuarbeiten, ohne die gewählte spekulative Erzählhaltung zur Maskerade zu entwürdigen, ist der schwierige und, als Gedankenspiel, lohnende Job, den Lawrence sich aufgehalst hat. Völlig daneben geht’s nur selten, etwa im abgründigen Satz „Ich arbeitete gern“. Der macht aus dem Tier das, was Sklaverei aus Menschen machen will, ein Werkzeug, das seinen Gebrauchswert selbst deklariert. Noch unwahrscheinlicher als ein sprechendes Pferd sind eben Menschen, die dem Leiden auch da zuhören können, wo es stumm scheint.

          Iain Lawrence: „Winterpony“. Roman. Aus dem Englischen von Alexandra Ernst. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2020. 320 S., geb., 19,– €. Ab 12 J.

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