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Jugendroman über Polizeigewalt : Vielleicht hätte er gerne auch mich erschossen

Am 9. August 2014 war der schwarze Jugendliche Michael Brown in Ferguson von einem weißen Polizisten erschossen worden. Dass es zu keiner Anklage kam, führte im ganzen Land zu anhaltenden Protesten: Am 25. November des Jahres kniet ein Demonstrant in Los Angeles vor Polizisten. Bild: David McNew/Getty Images/AFP

Khalil stirbt bei einer Polizeikontrolle, Starr war dabei – und muss jetzt damit leben. Im Jugendroman „The Hate U Give“ erzählt Angie Thomas von der Wirklichkeit und den Widersprüchen hinter den Schlagzeilen.

          5 Min.

          Durch die Straßen rollen, während HipHop aus den Subwoofers dröhnt, dazu das Versprechen auf einen ganzen Eimer Eis – kein Wunder, dass Starr nicht nein sagen kann zu der Idee, mit ihrem alten Herrn abzuhängen. Dass es zu einer Aussprache kommen würde, dürfte ihr klar sein. Dass sie eine Predigt zu hören bekommen würde, auch.

          Schließlich ist im Leben der sechzehn Jahre alten Erzählerin in „The Hate U Give“, dem Debütroman der amerikanischen Autorin Angie Thomas, nichts mehr, wie es sein sollte. Auf einer Party hatte sie einen Freund aus Kindheitstagen wiedergetroffen und war mit ihm abgehauen, als Schüsse fielen. Sie saß neben ihm, als sein Wagen angehalten wurde und ein Polizist ihn nach einem Wortwechsel aufforderte, mit erhobenen Händen auszusteigen. „Meine Eltern haben mir nicht beigebracht, die Polizei zu fürchten, sondern mich in ihrer Gegenwart einfach klug zu verhalten“, lässt Angie Thomas ihre Hauptfigur erzählen, „sie haben mir erklärt, dass es nicht klug ist, sich zu bewegen, während ein Cop dir den Rücken zudreht.“ Warum wusste Khalil das nicht? Er kam zur Fahrertür, um sie zu fragen, ob mit ihr alles in Ordnung ist. Dann traf ihn der erste Schuss, ein zweiter, ein dritter. Und Starr musste in die Waffe schauen, mit der gerade Khalil getötet worden war, bis die Verstärkung eingetroffen war, die der Polizist angefordert hatte.

          Ausweglosigkeit und Größe

          Tödliche Schüsse aus einer amerikanischen Polizeiwaffe, die einen Schwarzen treffen, ein Polizist, der unbescholten davonkommt, eine Welle ebenso hilf- wie folgenloser Empörung: Die aus den letzten Jahren bekannte Abfolge, die mit Namen wie Alton Sterling, Philando Castile, Michael Brown oder Trayvon Martin verbunden ist, bildet auch das Gerüst von „The Hate U Give“. „Leute wie wir werden in solchen Situationen zu Hashtags, aber Gerechtigkeit kriegen sie kaum einmal“, fällt Starr an einer Stelle im Buch auf, dessen Größe darin liegt, einer solchen Entwicklung nicht nur Namen und Biographien zu geben, eine Rekonstruktion und eine Bewertung der Todesumstände, sondern Leben.

          Und Widersprüchlichkeit: Die Angst der Zeugin, erkannt zu werden, stellt Angie Thomas gegen ihre wachsende Überzeugung, sich zu erkennen geben zu müssen, um den toten Freund nicht zu verraten. Dabei hält Angie Thomas ihre Erzählerin mit Bedacht auf Abstand zum Heldentum: „Wäre Mut ein medizinischer Zustand“, findet Starr einmal auf ihre hinreißende Art, „läge bei mir eine Fehldiagnose vor.“ Die Erleichterung, die Vernehmung durch die Polizei hinter sich gebracht zu haben, trifft auf das Gefühl, etwas Wichtiges in der Aufregung nicht gesagt zu haben. Das Familien- und Straßenleben in Garden Heights und die elterliche Überzeugung, in diesem Viertel bleiben und zu ihm stehen zu müssen, um das Leben dort nicht noch schwerer zu machen, kontrastiert die Autorin mit Starrs eine ganze Ecke entfernter Privatschule, auf der sie eine der wenigen Schwarzen ist, und ihrem fortwährenden Abwägen, was sie ihren Mitschülern, ihren Freunden, ihrem Freund, einem Weißen, von ihrem Leben, ihrem Slang, ihren Ansichten und Gefühlen zumuten oder zutrauen kann. Den Gerüchten, Khalil sei ein Drogendealer und Bandenmitglied gewesen, hält Angie Thomas eine eindrucksvolle Geschichte von Ausweglosigkeit und Größe entgegen. Und sie flankiert Khalils Schicksal mit dem eines anderen Jungen, der sich vor dem mächtigsten Bandenboss des Viertels ausgerechnet in den Gemischtwarenladen von Starrs Vater flüchtet – und dem ihres Vaters selbst, der sich aus den Verstrickungen der Kriminalität nur durch einen Deal freikaufen konnte, in dem er mit Teilen seines Lebens bezahlte: Damit ihn die Bande in Ruhe lässt, war Big Mav für deren Boss ein paar Jahre lang ins Gefängnis gegangen, als Starr noch klein war. Ihren ersten Schultag hat er hinter Gittern verbracht.

          Perspektive des Opfers

          Jetzt sieht er seine Familie abermals in Gefahr – im Spannungsfeld zwischen der Gang, die zwar ihn in Ruhe lässt, aber bei der Beerdigung dem Toten ein Abzeichen auf den Sarg legen musste, um zu behaupten, er sei einer von ihnen gewesen, der Polizei und den wachsenden Unruhen draußen in Garden Heights. „Mein Viertel hat sich in ein Kriegsgebiet verwandelt“, hält Starr fest. „Die Unruhen, die Schüsse, das Tränengas, all das ist letztlich meine Schuld.“ Kurz darauf greift sie auf der Straße doch nach einer Tränengaskartusche und wirft sie zurück in Richtung Polizei.

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