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Silas Matthes: „Miese Opfer“ : Auf einmal ist das Messer da

Silas Matthes: „Miese Opfer“. Roman. Oetinger34, Hamburg 2015. 192 S., geb., 9,99 €. Ab 13 J. Bild: Oetinger34

Muss man sich alles gefallen lassen? Und wenn man sich dann wehrt: Wie kommt man da wieder heraus? In seinem Jugendbuchdebüt „Miese Opfer“ erzählt Silas Matthes von zwei Freunden, die gemobbt werden.

          Erst am Grab seines Meerschweinchens wird Ferdinand klar, dass Dunker zu weit gegangen ist. Als der Mitschüler an einem der letzten Sommerferientage mit seinen Leuten feixend abgezogen war, nachdem er Ferdinands Freund Leo in den Kloakenfluss geschubst hatte, hatte es Ferdinand noch mit einem Witz herunterspielen wollen. Auch als der Fiesling ihm in der Schulpause die Beine weggezogen hatte und Ferdinand so auf den Kopf geknallt war, dass er nachher brechen musste, oder als Dunker den Schulranzen mit den Entwürfen für ein Spiel, das sich die beiden Freunde gemeinsam ausgedacht hatten, aus dem Klassenzimmerfenster kippte, um auf Ferdinand und Leo zu spucken, während sie unten die Blätter aus dem nassen Gras klaubten, hatte sich der fünfzehn Jahre alte Junge nur über den Blick seines Freundes gewundert: „genau wie Hulk, nur ohne Muskeln, aber wütender, zerfleischender“.

          Es ist Leo, der schließlich angreift, als Dunker Ferdinand auf dem Schulhof die Hose runterzieht. Es ist Ferdinand, der seinen Freund danach vor lauter Angst anschreit, ob er verrückt geworden sei, und es ist natürlich Ferdinand, dem Dunker kurz darauf zu Hause einen Besuch abstattet, in aller Seelenruhe das Meerschweinchen aus dem Freigehege im Garten nimmt, auf die Terrassenplatten schmettert und geht.

          So stellt er sich auch gegen den Freund

          In seinem ersten Jugendroman „Miese Opfer“ erzählt Silas Matthes die Geschichte einer Eskalation. Zwei Freunde, ohne ersichtlichen Grund zu Mobbing-Opfern von Dunker und seiner Bande geworden, beginnen Demütigung mit Demütigung zu bezahlen. Auf einen kleinen Sabotageakt folgt eine Prügelei, bei der Dunker überraschend den Kürzeren zieht, auf einen Angriff auf den Computer des Quälgeists ein Einbruch bei ihm zu Hause, bei dem Leo und Ferdinand an Fotos kommen, die den Feind zum Gespött der ganzen Schule machen. Ferdinand weiß auch nicht genau, woher das Messer in seiner Hand kommt, als er schließlich zu Dunker geht, um zu klären, ob das jetzt eigentlich immer so weitergehen soll.

          Man kann von Glück sagen, dass im Debüt von Silas Matthes das arme Meerschweinchen die einzige Leiche bleibt. Während andere Jugendromane zum Thema Mobbing die Geschichte bis zum Suizid eines immer stärker isolierten Opfers treiben, verschaffen Familie und Freunde dem unbeholfenen Ferdinand eine Art von Sicherheit. Auch wenn er seiner Mutter und seinem Großvater verschweigt, wer und was ihn quält, findet er doch Halt in den Gesprächen mit ihnen. Auch wenn die Freundschaft mit Leo nicht ohne Unverständnis, Rivalität und Zwist auskommt, können sich die beiden doch aufeinander verlassen.

          Um so präziser kann der 1992 geborene Autor die Gleichgültigkeit der Mitschüler zeichnen, die Dunkers Angriffe verfolgen, und die Feigheit eines Lehrers, der sie lieber übersieht. Und um so stärker ist der Moment, in dem sich Ferdinand nicht nur gegen seinen Peiniger stellt, sondern mit der Idee, ihn zum Waffenstillstand zu überreden, auch gegen seinen einzigen Freund, dessen Rachephantasien den Quälereien Dunkers letztlich in nichts nachstehen.

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